Von Adolf Metzner

Am 25. April wird die Ära Willi Daume, die zwanzig Jahre dauerte, im Deutschen Sportbund (DSB)zu Ende gehen. Die Delegierten des DSB-Bundestages wählen in Mainz seinen Nachfolger. „Eisendaume“, wie der Dortmunder Gießereibesitzer im Verzeichnis der Telegrammadressen heißt, wird sich nach Bayern auf olympische Gefilde zurückziehen und dort als Präsident des Organisationskomitees der Spiele der XX. Olympiade an seinem eigenen Denkmal bauen. Er wohnt oder besser gesagt residiert bereits in einer schloßähnlichen Villa in einem Park am Starnberger See, die ihm die Stadt München zur Verfügung gestellt hat. Errichtet wurde das Monstrum im späten Richard-Wagner-Stil schon vor einem Menschenalter von einer Amerikanerin, die es, wie sie wähnte, als Inkarnation höchster Wohnkultur der bayerischen Metropole schenkte. Hier können jetzt schon die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Wohnung beziehen, wenn sie in der Bundesrepublik weilen.

Zwischen Starnberger See und München wird sich in Zukunft Daumes Leben abspielen. Für seinen Hauptberuf hat der ehrenamtliche Großfunktionär kaum noch Zeit, nur noch einmal im Monat wird er nach Dortmund reisen.

Zwanzig Jahre lang hat Daume die Geschicke des bundesdeutschen Sports gelenkt. Ursprünglich als „schwacher“ Präsident – er war Vorsitzender des Deutschen Handballbundes – gewählt, verstand Daume es durch diplomatisches Geschick und die Gunst der Stunde, seine Machtfülle immer stärker auszubauen. Schließlich hielt er alle Schlüsselpositionen des westdeutschen Sports in seinen Händen. Er war Sportbundpräsident, Präsident des Nationalen und auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und wurde schließlich noch Präsident des Organisationskomitees der Münchner Spiele. Diese Ämterhäufung, die über seine Arbeitskraft ging, brachte ihn in eine Krise. In der Öffentlichkeit aufgefordert, Macht zu delegieren, zögerte er lange, bis er sich entschied, den Sessel des Sportbundpräsidenten freizugeben. Um ihn geht es nun am 24. und 25. April beim Sport-Bundestag in Mainz.

Zwei Bewerber treten auf, die beide eine Welt zu verkörpern scheinen: der FDP-Politiker Willi Weyer, Jurist und einst ein hervorragender Wasserballspieler, der ein klares Programm eines modernen Managements für die 9,5 Millionen-Organisation verkündete, und Dr. Wilhelm Kregel, der Vorsitzende des Deutschen Turnerbundes und Präsident des Celler Oberlandesgerichtes, der sich bisher in der Öffentlichkeit sehr zurückgehalten hat. Während Weyer der Mann der Landessportbünde ist, wurde Dr. Kregel von den Fachverbänden auf den Schild gehoben.

In den Landessportbünden sind die Turn- und Sportvereine nach föderalistischen Gesichtspunkten zusammengeschlossen. Sie vertreten deren Interesse nach außen, besonders gegenüber dem Staat, und was entscheidend ist, sie verteilen auch erhebliche Gelder, deren Hauptanteil die Totomittel ausmachen. Die Fachverbände dagegen sind überregional nach der jeweiligen Sportart gegliedert. König Fußball hat natürlich auch die meisten organisierten Anhänger, 2,7 Millionen, dann folgt der Deutsche Turnerbund mit 2,1 Millionen Mitgliedern. Die Turner beschränken sich ihrer Tradition entsprechend nicht nur auf das Geräteturnen, das übrigens immer mehr zurückgeht. Der „Zweite Weg“, also der Gesundheitssport oder Aktionen wie „Trimm Dich durch Sport“, brachte und bringt dem Turnerbund großen Zulauf.

Interessant, daß heute ein reiner Turnervertreter als aussichtsreicher Kandidat für den Posten des DSB-Präsidenten auftreten kann. Vor zwanzig Jahren, als der ehemalige Handball- und Basketballspieler Willi Daume gewählt wurde, wäre dies noch undenkbar gewesen, obwohl Daume selbst aus einem Turnverein (Eintracht Dortmund) kam, der sich aber längst sportliche Stromlinien zugelegt hatte. Damals waren immer noch die Nachwehen des Kampfes Turnen gegen Sport zu spüren, der in den zwanziger Jahren seinen Höhepunkt und 1934 diktatorisch von Reichssportführer von Tschammer und Osten beendet wurde, nachdem Turnerführer Neuendorff vergebens versucht hatte, die gesamte Sportbewegung organisatorisch zu „schlucken“.