Das ZDF verlor erste Prozeßrunde gegen Martini

Die Juristen in der ZDF-Rechtsabteilung waren fassungslos. „Wir können nicht glauben, daß uns ein ziviles Gericht dazu zwingt, einen Grundsatz unseres Staatsvertrages zu verletzen.“

Den ehernen Grundsatz des ZDF-Staatsvertrags, Werbung deutlich vom übrigen Programm abzusetzen, hatte eine Entscheidung des Mainzer Landgerichts ins Wanken gebracht. Landgerichtsdirektor Port, Richter bei der Kammer für Handelssachen, gab den TV-Leuten auf, „zu unterlassen, Werbeflächen der Firma Martini bei der Übertragung von Sportveranstaltungen durch das Zweite Deutsche Fernsehen zuzudecken oder sonst unsichtbar zu machen“.

Die Werbung der Kreuznacher Wermutfirma Martini & Rossi auf bundesrepublikanischen Stadion-Barrieren (Branchen-Jargon: Banden-Werbung), auf Transparenten und Stelltafeln hatte den Unmut von Fernsehredakteuren und Kameraleuten ausgelöst, die ihr Bild frei von unerwünschten Werbeeinblendungen halten wollen.

Holzamers Mannen sind zwar bereit, „ein gewisses Quantum an Schleichwerbung hinzunehmen“ (ZDF-Jurist Werner Konrad), doch im Fall Martini mußten sie sich gefallen lassen, was Martini-Werbeleiter Paul Goppert mit einem „Zuviel an deutscher Gründlichkeit“ umschreibt. Cleveres, kameramäßig geschultes Martini-Werbevolk placierte die Tafeln so geschickt, daß dem TV-Personal meist nichts anderes übrigblieb, als Sportheroen zusammen mit Martini-Konsumappellen ins bundesdeutsche Haus zu liefern.

Martini-Plakate verdeckten manchmal sogar die Wettkämpfer – wie bei einem Moto-Cross-Rennen, das im Mai 1969 am Kaiserstuhl ausgetragen wurde. Die Kopien der Aufnahmen schlummern ungesendet in TV-Archiven. Südwestfunk-Sportkoordinator Rudi Michel: „Da ist soviel Martini drin, daß vom Rennen nichts mehr zu sehen ist.“

So griffen die Fernsehleute zur Selbsthilfe: In mehreren Fällen sorgten sie dafür, daß Martini-Werbeflächen mit Stühlen verstellt, Werbetafeln versetzt oder zugehängt wurden – wodurch sie sich den Prozeß und das Verdikt des Richters Port einhandelten.