Hamburg

Mit dem dritten gegen ihren Schulleiter Heinrich Wernicke gerichteten Flugblatt erreichten die Schüler des Gymnasiums Kirschtenstraße in Hamburgs Elbvorort Blankenese ihr Ziel: Der 50jährige Oberstudiendirektor bat die Schulbehörde, ihn aus seinem Amt zu entlassen, „aus gesundheitlichen Gründen“.

Zum erstenmal in Hamburgs Schulgeschichte kapitulierte der Leiter einer Schule vor seinen Schülern. Sie hatten seinen Rücktritt gefordert, weil er zu konservativ und Reformen wenig zugeneigt sei. Die Begründung des Rücktrittsgesuches mit der Rücksicht auf die angeschlagene Gesundheit ist dennoch kein Vorwand. Der Schulleiter hatte um die Jahreswende einen Herzinfarkt erlitten.

Damals hatten Unbekannte die Toiletten des Gymnasiums, eines roten Backsteinbaues aus der Zeit Kaiser Wilhelms, zertrümmert. Nach Meinung der Schüler waren die sanitären Anlagen „in einem saumäßigen Zustand“ gewesen. Zwar distanzierten sich Wernickes Gegner unter den Schülern von diesem „kriminellen Akt“. Aber der Schulleiter empfand dies nicht zu Unrecht als Eskalation der gegen ihn gerichteten Angriffe.

Die Amtszeit Wernickes hatte vor drei Jahren schon unter ungünstigen Vorzeichen begonnen. Damals löste er den jüngeren Schulleiter Ilse ab, den das Kollegium nach zwei Jahren kommissarischer Amtsführung nicht hatte bestätigen wollen. Ilse, ein reformfreudiger Mann, wurde von den Schülern geschätzt und verehrt. Sie trauerten ihm nach und waren von vornherein gegen seinen Nachfolger Wernicke eingestellt, den das Kollegium mit einer knappen Mehrheit bestätigt hatte. Die Opposition gegen den Schulleiter verstärkte sich mehr und mehr, als im Laufe der Jahre ein knappes Dutzend fortschrittlicher Lehrer das Gymnasium verließ, weil sie nicht mit dem Schulleiter zurechtkamen oder er nicht mit ihnen.

Anfang April bliesen die Primaner, Wortführer der Opposition gegen den Schulleiter, zum Generalangriff. Sie verteilten vor der Schule das erste Flugblatt. Darin warfen sie dem Oberstudiendirektor vor, Hauptverantwortlicher für den katastrophalen Lehrermangel am Gymnasium und für das schlechte Schulklima zu sein, keine eigene Meinung zu haben und alle notwendigen Schulreformen boykottiert zu haben.

Nach dem Angebot „Tausche Schulleiter gegen Sandsack“ forderte das Flugblatt Wernicke („bestimmt ist er ein honoriger Mann, aber sein Anzug als Schulleiter ist ihm zu groß“) zum Rücktritt auf.