Von Karl-Heinz Krumm

Kassel

Als der rechtsradikale Wahlkämpfer Adolf von Thadden am 16. September vergangenen Jahres nach Kassel kam, erwarteten ihn Hunderte von Demonstranten, flogen Farbbeutel und Knallkörper. Sieben Monate nach diesen turbulenten Ereignissen, als der NPD-Chef, wenn auch nicht freiwillig, erneut in die nordhessische Großstadt reisen mußte, erwiesen sich Polizeihunde und Absperrungen als überflüssig: nur ein fast schüchternes „Sieg-Heil“ aus einer kleinen Gruppe von Jugendlichen empfing Ihn, als er am vergangenen Freitag den Saal 133 im Kasseler Justizgebäude betrat, um dort als Zeuge im Schwurgerichtsprozeß gegen seinen früheren Ordnungsdienst-Beauftragten Klaus Kolley auszusagen.

Kolley ist des versuchten Totschlags in zwei Fällen angeklagt. Er soll an jenem 16. September vor dem Hause des NPD-Landtagsabgeordneten Werner Fischer in der Weinbergstraße nach einem Warnschuß in die Luft zweimal in die demonstrierende Menge geschossen und dabei die Jugendlichen Michael Hoke und Bernd Lunkewitz verwundet haben. Anschließend flüchtete er durch das Haus Fischers und konnte erst nach der Wahl mittels langwieriger Recherchen ermittelt werden. Das ist der Tatbestand, den die NPD-Spitze lange Zeit hartnäckig bestritt, um politisch zu retten, was zu retten war.

Der Zeuge Thadden hat diese fatale Situation offensichtlich genau kalkuliert. Er kann den Angeklagten nicht entscheidend entlasten, ohne sich selbst und andere Funktionäre ins Zwielicht einer Begünstigung zu rücken. Ein freundlicher Blick für Kolley, einige wohlwollende Sätze – „ich kenne Kolley als einen besonnenen Mann, der im Wahlkampf viel erlebt hat“ – damit muß sich der frühere Sicherheitsbeauftragte der Partei begnügen.

Nur für eine Art „technische Panne“, die offensichtlich nach Ansicht Thaddens die folgenschweren Ereignisse von Kassel auslöste, spürt der Parteichef Bedauern: „Es war ein folgenschwerer Fehler, vom Hotel Hessenland zu Fuß in die Weinbergstraße zu gehen.“ NPD-Sprecher Hans-Joachim Richard assistiert später: „Wir durften nicht zu Fuß gehen. Ich mache mir heute die größten Vorwürfe.“

Sechs NPD-Funktionäre traten in Kassel in den Zeugenstand, sechsmal wurde die gleiche Marschroute sichtbar: imponierendes Gedächtnis, genaue Erinnerung auch an kleinste Details, wenn es um die Schilderung von angeblichen Bedrohungen der NPD während des Wahlkampfes, ging, weitschweifige Aussagen auch über den Gang der Ereignisse in Kassel, über die Kleidung einzelner Demonstranten etwa. Die beiden Schüsse aber hat von diesen sechs Zeugen niemand bemerkt und auffälliger noch: niemand von ihnen sah Kolley oder sprach gar mit ihm, obwohl sie alle, Thadden, Richard, NPD-Pressechef Waldemar Schütz, Landesvorsitzender Dr. Buck sowie zwei Ordner aus Hofgeismar, schon vor dem Schützen das Haus Fischers betraten, das Kolley später durch den Hinterausgang verließ.