Die Lederpeitsche aus La Paz – Seite 1

Ein Museum der Gemischtwaren

Von Marie-Luise Scherer

Auch Rosemary, die New Yorker Summer-Queen 1970, brachte, als sie an einem Wintertag in Tempelhof das Flugzeug verließ, keinen Temperaturanstieg, sondern ein Zinngefäß: Von Lindsay für Schütz. Sind die Gefäße nicht auf den Bürgermeister fixiert, sollen sie vielmehr allen gehören, dann steht auf einem Teller "Hattingen an der Ruhr grüßt Berlin an der Spree". Schränke voller guter Gesten, eine oxydierende Masse, der nur mit dem Lappen beizukommen ist. Über den Gebrauchswert darf nicht gerichtet werden, über den ideellen Wert auch nicht, und der diplomatische Wert richtet sich nach dem politischen Gewicht des Überbringers: Offizielle Geschenke, eine Flut, die das Fassungsvermögen offizieller Vitrinen übersteigt, ein Kapitel, dessen Ende einem Begräbnis dritter Klasse gleichen kann.

Im Rathaus Schöneberg passieren solche repräsentativen Gaben ein fein abgestimmtes Filtersystem: So steht der Bronze-Buddha des Königs von Nepal auf dem Aktenspeicher unter dem Dach, ein Bierbecher aus Lütgendortmund dagegen in einem Souvenir-Sarkophag vor den Räumen des Regierenden Bürgermeisters. Das sagt nichts aus gegen Nepal und nichts für Lütgendortmund. Höchstens, daß der Becher handlicher ist als der Buddha, das Datum seiner Übergabe jünger und daß die Auslagen im Rathaus-Foyer ohnehin in einem bestimmten Turnus wechseln.

Die Herren vom Protokoll wollen das nicht mißverstanden wissen: Jedes Stück spricht für gute Wünsche. Aber nicht jedes Stück kann als Schaustück für Zuneigung einen guten Platz finden. Was geschieht also mit der 45. Grubenlampe, dem 72. Kleinpokal, dem 7. bayrischen Brotzeitteller, den Symbol-Figurinen geflügelter und ungeflügelter Löwen, den Wappentieren auf dem Widmungssockel, den Gedenkmünzen in der Ebenholzkerbe, den Bildern des Mitgefühls, den dramatisch-akzentuierten Gegenständen der Bruderschaft? Sie werden numeriert und katalogisiert. Der Katalog wird täglich dicker. Kein Schreibtisch, an dem mehr geschieht, als daß man ihn besetzt, um Verehrung abzunehmen, kann die geätzten, getriebenen, ziselierten und geschnitzten Zigarettendosen und Aschenbecher fassen. Für soviel Bronze gibt es keine Zugluft. Soviel Wand, wie zu hängende Teller sie bedecken würden, kann auch im Schöneberger Rathaus nicht ausgespart werden. Dann müßten die Aquarelle der Künstlerhilfe in den Keller, strategische Stadtkarten blieben unausgebreitet und alle Zimmerpflanzen auf die Fensterbank beschränkt. Dies Andenken, die sich eine langlebige Aufmerksamkeit sichern wollen, übersteigen jede Kapazität des Protokolls.

Noch liegt das Schnapstablett der Stadt Melle/Niedersachsen, der mit Edelsteinen besetzte Dolch des türkischen Generalkonsuls, die Lederpeitsche einer deutschen Krankenhausleiterin aus La Paz, die Emaille-Schale der luxemburgischen Metallarbeiter, die Negerskulptur des stellvertretenden Direktors vom Museum Auschwitz auf der Besichtigungsstrecke des Senatsfoyers: Ein Museum der Gemischtwaren, der kosmopolitischen Mitbringsel – eine Wallfahrtskirche kann nicht mehrbieten. Und würde die Geschenkadresse mit der jeweiligen Amtszeit nicht erlöschen, der Beschenkte könnte sich ein Mausoleum seiner politischen Beliebtheit daraus bauen.

Die Chance solcher Gaben, sich im Dunstkreis des verehrten Politikers zu halten, wird natürlich auch mit den Kriterien der Prominenz bemessen: Ein signiertes Photo John F. Kennedys oder eines amerikanischen Mondfahrers kann sich immer einen Altarplatz sichern, was dem Aschenbecher des Falkenortsverbandes Hof/Saale nicht beschieden ist.

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Eine Schonfrist für das Aufbewahren offizieller Geschenke gibt es nicht. Die sogenannte Ehrenhalle, der Vorraum, von dem aus die Treppe zum Rathausturm und zur Freiheitsglocke führt, ist Fegefeuerstation der besonders martialischen Symbolik. Berliner Schicksalssituationen, von Bildhauern in Szene gesetzt: "Der Schrei" in rotem Ton, ein hermaphroditischer Kopf mit geöffnetem Hinterschädel, Flammen, dort wo Haare wachsen, ein Schweißtuch bedeckt ein Auge, der Mund hat Hunger auf Gerechtigkeit – "Griff nach der Freiheit", Bronze, die Gestalt gewordene Unverschämtheit greift ins Leere und meint Berlin – "Mauer mit sterbendem Flüchtling", Halbrelief in Holz, seit der Erfindung des Photoapparates sollte dies kein Thema mehr für ein Messer sein. Ein Kabinettstück der Berlin-Verehrung ist das bronzene, grabstellengroße "erste Turnfeld unseres Turnvaters Jahn" (die Berliner Hasenheide ist gemeint), Silvester-Blei-Strukturen, nur mächtiger und nicht in einer Nacht zu schaffen. Das "Gestaltende Gewerbe Flensburg" hat die politischen Besonderheiten der Stadt in eine Guckkastenbühne hineingerafft: Holz mit Stacheldraht, Golgatha eines Bärer.

Hier im Turmzimmer des Rathauses kommentiert Turmführer Krüger, was die Wände und Behälter zeigen. Die Klasse eines Knabeninternats aus dem Sauerland hat in Herrn Krüger den flüssigsten Wortführer für demokratische Meinungsäußerungen gefunden: Die historische Unterschriftensammlung von 16 Millionen Amerikanern, die Ernst Reuter am 21. Oktober 1951 zusammen mit der Freiheitsgocke übergeben wurde, ist viele Male in der Woche Krügers Fundstelle, an der er seine Rhetorik hochtreibt. Krüger möchte den Blick für die Hauptsachen schärfen und nicht die Wasserpfeife erklären, die Willy Brandt einmal geschenkt bekam.

Das Turmzimmer ist die letzte Instanz für Geschenke, die man doch als für die Öffentlichkeit zumutbar klassifiziert. Danach folgt der Aktenboden, das Verlies für die Gegenstände der Sympathie. Es ist eingezäunt hinter übermannshohem Maschendraht, als könnte es interessierte Diebe geben. Die Herren vom Protokoll wollen den Ausdruck "Schreckenskammer" nicht geprägt haben. Aber das Wort kursiert. Der hauptberufliche Umgang mit Ehrengaben läßt auch Plunder nicht Plunder sein. Die Katalognummer 435 beschreibt die Fahne aus Kitzbühel als ein 1,50X6 Meter großes Flaggentuch. "Gruß aus dem Rupertiwinkel" – ein Vesperkorb – so was liegt hier, als wär’s ein Stück vom alten Rom. So was und vieles andere bleibt auch hier, bis die Zeiten und ihre Etikette-Vorschriften sich ändern.

Im Rathaus Schöneberg weiß man vom Ende solcher Dinge. Deshalb reduziert man die Auflage der Freiheitsglocken aus der Berliner Porzellanmanufaktur, schenkt sie nur noch, wenn einer sie ausdrücklich möchte. Man weiß, daß sich in jedem Regierungspalais der Welt die Geschenckammern füllen. Aus diesem Grunde überreichte man Nixon an Stelle des schon namentlich präparierten Schachspiels mit Wildlederbrett einen alten Stich der Stadt. Denn Johnson hatte bei seinem Besuch das Schachspiel auch bekommen. Und Beschenkte sollten sich in ihren Geschenken unterscheiden können. Der Moment, wo ein Berliner Brett in einer Vitrine des Weißen Hauses zuviel gewesen wäre, hätte kommen können.

Berlin