Das Protokoll einer polizeilichen Untersuchung

Von Wolfgang Löhde

Hannover

Mehr als drei Dutzend Eisenbahnwaggons mit hochbrisantem Sprengstoff rollen Tag für Tag über die Schienen der Bundesbahn durch die Städte und Bahnhöfe der Bundesrepublik.

Jeder einzelne von ihnen ist eine rollende Bombe, die sich jeden Augenblick zwischen Flensburg, Passau und Konstanz entzünden kann. Wenn die Bremsen der Waggons blockieren, prasselt ein glühend heißer Funkenregen gegen die Waggonböden, und es entstehen Temperaturen, wie sie bis heute kein Mensch für möglich gehalten hat.

Diese Erkenntnisse, in fast einem Dutzend Leitzordnern zusammengetragen, rollten dieser Tage im Kofferraum eines schwarzen Mercedes, Limousine Typ 200, von Bad Godesberg über die Autobahn nach Hannover. Die Aktendeckel mit dem Aktenzeichen 21 Js 384/69 sind das Ermittlungsergebnis der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes zu dem schweren Explosionsunglück in Hannover vom 22. Juni vergangenen Jahres, bei dem acht Männer der Feuerwehr und vier Beamte der Deutschen Bundesbahn getötet, 40 Personen verletzt und tausend Geschädigte registriert wurden. Die Schadenssumme dieses Munitionsunglücks auf dem Güterbahnhof Hannover-Linden ist auf fast 40 Millionen Mark geklettert.

Die Ursache des Explosionsunglücks ist geklärt. Nach neunmonatiger Arbeit hat die Abteilung E (Ermittlungen) der Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes unter der Leitung von Regierungskriminaldirektor Karl Schütz (genannt „Kugelblitz“) zusammen mit der Landeskriminalpolizeistelle Hannover, der Munitionserprobungsstelle 91 Meppen, dem Chemisch-Technischen Institut (CTI) – Außenstelle Schlebusch, der Bundesbahnversuchsanstalt in Minden und dem Bundesamt für Materialprüfung (BAM) in Berlin herausgefunden, was bisher allen Fachleuten unbekannt war.