Wie dieser Staat entstand, was aus ihm wurde und wohin er steuert

Von Marion Gräfin Dönhoff

Bundeskanzler Brandt wird am 8. Mai mit einer Erklärung vor dem Parlament jenes Tages vor 25 Jahren gedenken, an dem das Hitler-Reich kapitulierte. Mit den Feststellungen „Niederlagen feiert man nicht“ und „Schande und Schuld verdienen keine Würdigung“ haben CDU und CSU diesen Plan heftig bekämpft – als ginge es um Feiern oder Würdigung.

Wer damals mit Millionen vertriebenen Deutschen, von Jagdbombern gejagt, ziellos über die Landstraßen des zusammenbrechenden Reiches irrte oder wer wie die Landser im Osten, Westen, Norden oder Süden von den unaufhaltsam vordringenden alliierten Armeen überwältigt und herdenweise, zusammengetrieben wurde, der weiß, daß damals niemandem nach Feiern zumute war; auch wenn an jenem 8. Mai die Mehrzahl der Bevölkerung einen Seufzer der Erleichterung ausstieß: „Endlich ist es vorbei.“

Vorbei war das sinnlose Sterben, die nächtelangen Ängste in stickigen Bunkern, das ohnmächtige Miterlebenmüssen der Verbrechen eines immer bedenkenloser werdenden Regimes – Verbrechen, deren ganzes Ausmaß erst nach und nach bekannt wurde. Nicht vorbei allerdings waren Hunger, Arbeitslosigkeit, Ungewißheit und der Schmerz über die verlorene Heimat. Kein Anlaß also zum Feiern, weder damals noch heute, aber doch ein Grund, heute einmal innezuhalten und den Weg zu überdenken, den wir seither zurückgelegt haben, einen Weg, der anders verlaufen ist, als man es sich am 8. Mai 1945 vorgestellt hatte.

Was eigentlich hatte man sich damals vorgestellt? Zunächst ganz gewiß, daß nun ein ganz neues, ganz anderes Leben beginnen werde und beginnen müsse. Niemand von uns. hätte es für möglich gehalten, daß, nachdem die alte Welt in Stücke gegangen, jahrgangsweise die Jugend Europas auf den Schlachtfeldern verblutet war und sechs Millionen Juden fabrikmäßig umgebracht worden sind, daß nach all diesem Geschehen die Normalisierung des Lebens da wieder anknüpfen werde, wo sie 1933 abgerissen war, mit einem Wort, daß alles so weitergehen werde wie eh und je.

Natürlich hatte man sich vorgestellt, durch diese apokalyptische Zeit sei der Krieg nun wirklich ein für allemal ad absurdum geführt worden. Allem Geistigen, so meinte man, werde jetzt im Dasein des einzelnen und auch im Bereich des Staates viel mehr Raum gegeben werden. Diskussionen ohne Ende begannen damals, ausländische Zeitschriften und Bücher wurden verschlungen, wichtige Manuskripte abgeschrieben und weitergereicht.