Der Filmmacher Hellmuth Costard war angeklagt, mit seinem Film „Besonders wertvoll“ unzüchtige Abbildungen verbreitet zu haben. Ein Hamburger Amtsgericht sprach ihn frei.

„Besonders wertvoll“ ist ein polemischer Film gegen das Filmförderungsgesetz. Dieses 1967 von einer Wirtschafts-Lobby durchgepaukte Gesetz fördert unter anderem Wirtinnen- und Graf-Porno-Filme mit Prämien von 250 000 Mark und mehr. Gegen dieses scheinheilige Machwerk, das einerseits philisterhaft „Unsittliches“ auszuschließen vorgibt, andererseits die dämlichsten Graf-Porno-Filmchen mit Geldpreisen bedenkt, hat Costard seine Wut mit eben den Mitteln formuliert, mit welchen sich die Filmbranche im Augenblick noch mühsam am Leben erhält: mit der direkten Zurschaustellung des Sexuellen.

Den Staatsanwalt störte besonders, daß da eine Frauenhand einen Penis „mit einer reibenden Bewegung am Glied“ bearbeitet. Der einen Augenblick lang nur silhouettenhaft erscheinende Penis erfülle den polemischen Zweck hinreichend, die ausführliche Darstellung der Masturbation mit abschließendem Samenerguß verletze aber das Schamgefühl. Nun ist das, was der Staatsanwalt als Moment des Abgleitens ins Unkünstlerische beschreibt, genau der Moment, in dem die Qualität von Costards Film sich besonders prägnant zeigt: Er verweigert das augenzwinkernde Einverständnis in bezug aufs Sexuelle, er zeigt die Masturbation nicht als Vorwand für eine Kunst-Bemühung, sondern lediglich als körperlichen Vorgang, gleichrangig mit Tätigkeiten wie Gehen, Schlafen oder Küssen. Der Penis, der durch eine Leinwand gesteckt ist, auf welche allerlei Bilder projiziert werden, der also nicht einer bestimmten Person zugehörig erscheint, wird in „Besonders wertvoll“ zu einem „Darsteller“, dessen Aktionen die Verteidigerin mit einem unbeschreiblich schönen Bild kennzeichnete: wenn der Penis den Samen auf die Linse spritze, dann hätte man den Eindruck, dieses „Wesen“ habe „geweint“.

Der Streit um den Film hat 1968 das Oberhausener Festival in eine schwere Krise gezogen; bei einer Münchner Veranstaltung griff die Polizei zu. Der Münchner Veranstalter, Werner Schulz vom undependent film center, saß mit auf der Anklagebank.

Der Amtsrichter sprach Costard und Schulz frei mangels objektiver Anzeichen für eine Verletzung des Schamgefühls. Es hätten lediglich zwei Polizisten an dem Film Anstoß genommen, welche zur Begutachtung hingeschickt worden waren. Sie seien aber nicht als das „den Problemen der modernen Kunst aufgeschlossene und um Verständnis bemühte“ Publikum anzusehen, von welchem – nach einem Bundesgerichtsurteil – in Streitfällen über Kunst auszugehen sei.

Gegen das Hamburger Urteil ist Berufung möglich. Es ist freilich kaum zu erwarten, daß sich in späteren Instanzen noch etwas ändern wird. Im Zeitalter der Graf-Porno-und-Wirtinnen-Filme wäre eine Verurteilung von Costards polemischem Film gar zu lächerlich. Gerichtliche Auseinandersetzungen um Costards Film wären – eingedenk der über literarische Gegenstände bereits gefällten Urteile – nur läppische Nachhutgefechte. Viel spannender ist, was durch einen Freispruch ausgelöst wird: Die rechtlich äußerst fragwürdigen Instanzen der Filmbranche werden auf die Probe gestellt.

Costard reicht seinen Film nun der sogenannten Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) ein, welche weder „freiwillig“ noch eine „Selbst“-Kontrolle ist, sondern eine halbstaatliche Zensur. Die FSK könnte den Film nach ihren Richtlinien eigentlich nur wegen Verletzung des sittlichen Empfindens zurückweisen. Das wird ihr aber nach dem Hamburger Urteil nicht mehr möglich sein.