Die freiwilligen Zahlungen der Arbeitgeber werden den Gewerkschaften zum Ärgernis. Die IG Chemie fordert Firmentarife für die Großbetriebe

Arbeitgeber, die auf soziale Reputation Wert legen, pflegen ihren Arbeitern und Angestellten bisweilen mehr zu zahlen, als sie laut Tarifvertrag zahlen müssen. Wenn diese „freiwilligen“ Leistungen der Unternehmer auch nicht immer ganz so freiwillig sind, wie sie nach außen deklariert werden – zu einem guten Teil werden sie vom Arbeitsmarkt erzwungen –, so gehört doch diese Gepflogenheit zweifelsohne zu den erfreulichen Seiten der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen in der Bundesrepublik.

Indes, diese honorige Arbeitgeber-Eigenschaft hat auch ihre Probleme:

  • Wenn in einem Betrieb Arbeiter und Angestellte mit den verschiedensten „Extras“ bei guter Stimmung gehalten werden, so ist das in der Regel mit eine Folge seiner Leistungsfähigkeit. Da alle Mitarbeiter, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, das Ihre zu diesem Erfolg beitragen, ist es nur billig, wenn sie das auch an der Lohn- und Gehaltsabrechnung merken.

Aber auch so läßt sich argumentieren Unbeschadet aller betrieblichen Besonderderheiten sind die Anforderungen, die an die einzelnen Arbeiter und Angestellten auf Grund ihrer Funktion gestellt werden, in allen Betrieben die gleichen. Ein allzu starkes Auseinanderklaffen des Lohn- und Gehaltsniveaus zwischen vergleichbaren Betrieben kollidiert mit dem Grundsatz: Gleicher Lehn für gleiche Leistung.

  • Tariflöhne und Tarifgehälter werden von Ge- werkschaften und Arbeitgeberverbänden in voller Gleichberechtigung ausgehandelt und in einklagbaren Verträgen niedergelegt. Übertarifliche Zahlungen hingegen sind weitgehend in das Ermessen nur einer Seite, der Arbeitgeber, gestellt. Auch wenn sie in besonderen Vereinbarungen mit dem Betriebsrat fixiert sind, fehlt meist die Klausel nicht, daß sie durch einseitige Erklärung der Betriebsführung rückgängig gemacht werden können. Davon ist in den Monaten der Rezession denn auch vielerorts nachhaltig Gebrauch gemacht worden. Vom Arbeitnehmer aus gesehen ist dieses Verfahren – nicht nur, was die materielle Seite betrifft – unbefriedigend.
  • Die von den Gewerkschaften durchgesetzten Lohnerhöhungen berühren nur die Tariflöhne, Betriebe, die „über Tarif“ zahlen, brauchen sie nur so weit zur Kenntnis zu nehmen, als sie die betriebsindividuellen Effektivlöhne überschreiten. Je größer die Differenz zwischen Tarif- und Effektivlöhnen ist, um so uninteressanter wird für den einzelnen Arbeitneh ner seine Gewerkschaft. Im Extremfall verliert sie für ihn jede Bedeutung.

Das insbesondere ist der Grund, warum die übertariflichen Leistungen den Gewerkschaften seit jeher ein Dorn im Auge sind. In der chemischen Industrie Hessens ist es darüber nun zu harten Meinungsverschiedenheiten gekommen, die möglicherweise nur durch einen offenen Arbeitskampf entschieden werden können.