„McCartney“; Apple/EMI, 1C 062-04 394, 19,– DM

Was die anderen Beatles längst getan haben, hat Paul McCartney, von dem all die Jahre über die meisten ihrer musikalischen Ideen stammten, jetzt nachgeholt: Er hat allein eine Platte gemacht. Und allein heißt in seinem Fall wirklich allein: Von ihm sind Musik und Texte, er singt und spielt allein – Gitarre, Klavier, Orgel, diverse Schlaginstrumente, assistiert zuweilen nur von seiner Frau; die Playback-Technik macht es möglich. Das Ergebnis klingt bisweilen, als sei es von den vier Beatles: als seien die anderen drei notfalls entbehrlich.

McCartneys Solo stellt gleichzeitig eine Art Proklamation dar. Es ist eine erklärte Absage an die Kollektivarbeit – und die Beatles waren schließlich das berühmteste Kollektiv einer Zeit, die den Individualismus verabschieden wollte. Es sei ihm lieber, wenn er nur mit sich selber zu debattieren hatte, sagte er etwa – und ließ kurz vor der Veröffentlichung der Platte wissen, daß er ganz aus dem Quartett ausscheiden wolle. Auch musikalisch verzichtet er darauf, für irgend progressiv gehalten zu werden: keine Rückkehr zu den heiseren Zeiten des harten Rock, keine psychedelischen Elektronentrips, obwohl beide Phasen keineswegs vergessen sind, eher mit sparsameren Mitteln eine Fortsetzung des melancholisch-gelösten „Hey, Jude“- und „Abbey Road“-Sentiments, Dann gar der Inhalt der Lieder: zumeist Huldigungen an seine Frau, the lovely Linda, Momma Miss America, mit den immerhin erstaunlichen Zeilen: „Maybe I’m amazed the way I really need you. Maybe I’m a man, maybe I’m a lonely man who’s in the middle of something but he doesn’t really understand.. Dazu seine Erklärung: nur an Musik und Familie sei ihm gelegen. Und die Feststellung: „Ich habe vor, erwachsen zu werden“ – die einer Absage an den Glauben gleichkommt, Jugendlichkeit sei der auf jeden Fall überlegene Zustand. Dabei ist McCartney noch gar keine dreißig, sondern erst siebenundzwanzig.

Kurz, hier hat eins der Symbole jugendlicher Gegenkultur den Rückzug in die Bürgerlichkeit angetreten, und daß er dabei ziemlich glücklich scheint und seine Musik um nichts schlechter geworden ist, wird ihm am wenigsten verziehen werden.

Es gibt auf dieser Platte mit ihren vierzehn Stücken kein einziges, das ganz verunglückt wäre. McCartney ist ein virtuoser Komponist und Arrangeur, ein passabler Textdichter, ein ausdrucksreicher Gitarrist und Sänger, ein erfahrener Mann im Umgang mit den Aufnahmegerätschaften, und daß er das Schlagzeug schwerfällig bedient, stört kaum, weil er sich selber nicht damit stört „Junk“ in seiner gesungenen und in der instrumentalen Version, „Man We Was Lonely“, das Bob Dylan verpflichtete „Every Night“, „Maybe I’m Amazed“, „Kreen – Akrore“, das ein Geschlechtsakt ohne Exhibitionismus ist: Wer den domestizierten McCartney nicht will, höre sich das besser gar nicht erst an, er könnte sonst auf Gedanken kommen. Ein Symbol des Untergrunds ist diesem nun endgültig verlorengegangen, und daß seiner Musik dabei nichts verlorengegangen ist, könnte als Gegenpropaganda wirken.

D. E. Z.