Von Gastone Duse

Jeder, der wie Sie 1921 an der Gründung der italienischen Kommunistischen Partei mitgewirkt und sie in den dreißiger Jahren wieder verlassen hat, am Anfang der stalinistischen Degeneration, wird wahrscheinlich mit Raymond Arons sarkastischen Bemerkungen über das späte Eingeständnis Sartres und anderer Intellektueller übereinstimmen, daß sie sich geirrt hätten.

IGNAZIO SILONE: Eigentlich ist es nicht dieser Aspekt, der mich am meisten interessiert. Zunächst muß ich betonen, daß ich selber ihnen nichts voraus hatte. Abgesehen von der Tatsache, daß wir verschiedenen Generationen angehören, glaube ich nicht, daß Gesinnungen wie Uhren synchronisiert werden können. Außerdem handelt es sich nicht um individuelle Fälle, und seien diese noch so berühmt; was in vielen kommunistischen Parteien vor sich geht, ist ein wirkliches Schisma, was die Anzahl der Beteiligten und den Ernst der zugrundeliegenden Probleme angeht.

Die Rebellen sind fast immer Intellektuelle.

SILONE: Oft ergreifen Intellektuelle öffentlich die Initiative – aber was ist zum Beispiel mit der Metallarbeitergewerkschaft in Prag? Und welche Intellektuellen meinen Sie überhaupt? Unter ihnen finden sich nicht nur Sympathisanten oder fellow travellers, sondern auch Männer wie Roger Garaudy, Ernst Fischer, Adam Schaff und andere, die prominente Organisatoren und Kämpfer der Partei waren; geistige Führer wie Ernst Bloch, deren ganzes Leben der Philosophie des Sozialismus gewidmet war; und ganze Führungsgruppen wie die Redaktion der Prager Literarni Noviny. Es mag paradox scheinen, daß gerade in dem Augenblick, als man den Intellektuellen wachsende Bedeutungslosigkeit nachsagte, aus ihren Kreisen Bewegungen hervorgegangen sind, die die gesamte politische Landschaft erschüttere ten. Die Rolle der tschechischen Wochenzeitung hing direkt mit der des revolutionären Petöfi-Kreises im Budapest des Jahres 1956 zusammen. Antonin Liehm hat ganz zu Recht gesagt, daß von seiner Literaturzeitschrift in Prag die ersten Lichtstrahlen ausgingen. Nach einigen Wochen der Überraschung und des Zögerns angesichts der Verwegenheit gewisser Appelle wurde dem Volk klar, daß die Schriftsteller und Philosophen jedermanns heimliche Gedanken ausdrückten. Anderswo passierte das gleiche. Mit anderen Worten war es die Diktatur, die die Avantgarderolle der Intellektuellen wiederherstellte, die sie seit 1848 verloren hatten: Durch die Unterdrückung der Freiheit und der Menschenrechte haben die Diktaturen die Forderungen der sogenannten „bürgerlichen“ Revolution wieder auf die Tagesordnung gesetzt, die alle angehen, aber für die die Intellektuellen, wenigsten die Linksintellektuellen, ganz besonders empfindlich sind.

Der Protest hat sich jedoch erst nach der brutalen, von Moskau befohlenen militärischen Invasion der Tschechoslowakei ausgeweitet.

SILONE: Ja, nach jenem Meisterwerk der militärischen Strategie mit seinem theoretischen Pendant, daß die Satellitenstaaten nur eine begrenzte Souveränität in ihren Beziehungen zur Führungsmacht besäßen. Um welcher Politik willen? Um sie mit ein paar Worten zu umreißen, genügt es, daran zu erinnern, daß sie 1939 zum Molotow-Ribbentrop-Pakt geführt hat; daß sie erst für, dann – bis zur Kriegsdrohung – gegen Volkschina, war; erst gegen und dann für den Gaullismus; erst für und dann gegen den Staat Israel; und so fort für manche Staaten der Dritten Welt und gegen andere, deren soziale Struktur identisch ist. Vergebens suchte man in einer dermaßen dreist nationalistischen Politik einen Idealzusammenhang, der eine internationale Solidarität rechtfertigen könnte.