Von Kurt Becker

Seit Lyndon Johnsons Tagen ist Amerika nicht mehr auf soviel Unverständnis und Kritik gestoßen wie jetzt bei Präsident Nixons Entscheidung zum Einmarsch in Kambodscha. Die von Nixon zugesicherte zeitliche und räumliche Begrenzung der Operation vermag die Bestürzung kaum zu vermindern, weder in Washington selbst noch sonstwo.

In Südostasien ist wider die Logik der amerikanischen „Vietnamisierungs“-Politik und der von Nixon gezeigten Bereitschaft, auf einen Sieg-Frieden zu verzichten, eine Schwelle der Kriegführung überschritten worden, die dem Konflikt eine neue Dimension verleiht und die gesamte indochinesische Halbinsel zum Kampfplatz werden zu lassen droht. Die Heraufstufung des Krieges ist eine unumstößliche Tatsache; seine Herabstufung in spätestens zwei Monaten hingegen ist lediglich eine Absichtserklärung Präsident Nixons, die wegen der politischen und militärischen Unwägbarkeiten einstweilen als vage gelten muß. Mitten in einem Prozeß, der auf größere Manövrierfähigkeit angelegt war, ist Amerikas Handlungsfreiheit in Asien wieder gelähmt worden.

Der geharnischte Protest des sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin gegen die Invasion in Kambodscha vom Montag deutet auf eine erhebliche Irritation Moskaus hin, indesesn nicht auf die Absicht, über die bisherigen Hilfeleistungen an Nordvietnam hinauszugehen oder sonstwie zu intervenieren. Nicht einmal auszuschließen ist, daß die Sowjets hoffen, sich die tiefere Verstrickung der USA in Südostasien für eigene Zwecke nutzbar machen zu können. Jedenfalls vermag Moskau weiterhin seine Nahostposition verstärkt auszubauen, ohne dabei von den auf Südostasien fixierten Amerikanern auch nur im geringsten gestört zu werden.

Zwischen der Aktivität und den Engagements der beiden Weltmächte, der einen im östlichen Mittelmeer, der anderen in Indochina, hat schon immer eine Wechselwirkung wie die zwischen zwei kommunizierenden Röhren bestanden. Aber neben dieser anhaltenden Machtverlagerung im östlichen Mittelmeergebiet muß die westlichen Verbündeten jetzt vor allem die Überlegung beunruhigen, wie sich die Kambodscha-Entscheidung auf die künftige Politik Amerikas in Europa auswirken könnte. Ob in London, Paris oder Bonn: Die Substanz dieses Engagements wird in erster Linie an der militärischen Präsenz der USA auf unserem Kontinent gemessen. Zu allen Ungewißheiten über die Fortdauer der unveränderten Truppenstationierung nach dem 1. Juli 1971, die sich sowieso schon aus der inneramerikanischen Opposition gegen das Ausmaß überseeischer Verpflichtungen ergeben, kommt nun auch noch der Zweifel, ob nicht der Indochinakrieg gegen die Interessen Europas ausschlagen könnte.

Soviel ist gewiß: Das militärische Sparprogramm geht, da Washington keine Abstriche an den strategischen Kernwaffen zulassen will, unvermeidbar zu Lasten der konventionellen Truppen. Ihre Zahl wird in jedem Fall verringert werden. Läßt sich dies aber nicht mehr durch Abzüge aus Vietnam ermöglichen, weil der Einmarsch in Kambodscha nun alle längerfristigen Pläne über den Haufen zu werfen droht, könnte die siebte US-Armee in Süddeutschland entweder direkt von Einsparungen betroffen werden oder Aushilfen für Vietnam leisten müssen.

In beiden Fällen wäre die Folge eine machtpolitische Gleichgewichtsstörung in Europa – samt allen nachteiligen Auswirkungen auf die Entspannungspolitik und auf die Versuche des westlichen Bündnisses, den Osten für eine vereinbarte Truppenreduzierung auf Gegenseitigkeit zu gewinnen. Jegliche Aussicht auf eine gleichbleibende amerikanische Präsenz in Europa setzt jedenfalls in erster Linie das stufenweise Desengagement in Südostasien voraus; daneben eine unerschütterte innenpolitische Machtposition des Präsidenten, der sich gegenüber der wachsenden Stimmung für einen Teilabzug aus Europa durchzusetzen vermag. Hinter beide Prämissen muß jetzt ein kräftiges Fragezeichen gesetzt werden.

Die Lage würde nicht besser, wenn die europäischen Verbündeten ihrer Reserviertheit oder ihrem Unverständnis gegenüber Nixons Beschluß freien Lauf ließen oder sich darüber beklagten, daß sie wegen Kambodscha entgegen allen geheiligten und erst in jüngster Zeit bekräftigten Grundsätzen nicht konsultiert, ja nicht einmal informiert wurden. Vorerst bleibt den Verbündeten in der Tat nichts anderes, als sich die möglichen Fern Wirkungen der Kambodscha-Entscheidungen auf Europa vor Augen zu führen und – sei es hilflos, sei es zornig – auf einen planmäßigen Verlauf dieser Operation zu hoffen.