Von Wolfgang Hoff mann

Das Skelett im Schrank kann auf die Dauer nicht verborgen bleiben“, urteilte Ernst Eichengrün, ehemaliger Bundessekretär der Jung-Sozialisten, über den andauernden Streit zwischen alten und jungen Sozialdemokraten. Gegenstand der Spannungen in der SPD ist allerdings weniger ein Skelett, eher ein Urahn des Sozialismus. Denn die Jungsozialisten wollen Karl Marx wiederbeleben und die SPD auf einen neo-sozialistischen Kurs bringen.

Düster schrieb der nach der Bundestagswahl vom Baracken- zum Ministeriumsreferenten avancierte Eichengrün über die zur Macht drängenden Junioren der SPD: „In etwa sechs Bezirken spielen die Jungsozialisten als formierte Fraktion bereits eine entscheidende Rolle.“ Die Jungsozialisten, die auf ihrem Münchner Kongreß (1969) so lautstark auftrumpften, bezeichnen sich selbst schon als „die Partei der achtziger Jahre“.

Obgleich der Parteitag der SPD in der kommenden Woche der erste der siebziger Jahre ist, lesen sich manche der 800 Anträge und Entschließungen als Auftakt für eine Veränderung des Gesellschaftssystems in den achtziger Jahren.

Nach mehr als zehnjähriger SPD-Taktik der Anpassung an die bürgerliche Union drängen die Linken in der Partei nun stärker auf einen sozialistischen Kurs. Der Unmut über die „verbürgerlichte Parteiführung“ und die sozialdemokratische Regierungspraxis seit der Großen Koalition ist nicht nur auf den biologischen Unterschied zwischen alten und jungen Genossen zurückzuführen. Ebensowenig ist er auf den roten Süden Hessens oder auf den linken Norden des schleswig-holsteinischen Parteivorsitzenden Jochen Steffen beschränkt. Er verläuft quer durch die Bezirke aller Landesverbände der Partei.

Der angestaute Ärger der Genossen orientiert sich an deutschen Waffenlieferungen für Griechen, Spanier und Portugiesen. Kritik entzündet sich an der versprochenen, aber nicht realisierten Preisstabilität. Die Linken prangern die bisherige Vermögensbildung als „kleinkariert“ an und plädieren für eine Umverteilung der Großgewinne zugunsten des kleinen Mannes. Böse sind sie darüber, daß sich „Bodenspekulanten auf Kosten der Allgemeinheit bereichern“ können, weil Grund und Boden „nicht beliebig vermehrbar ist wie die Autoindustrie“.

Ziel der Linken ist aber nicht die Klassenherrschaft, vielmehr die „partizipative Demokratie“, in der jeder mittel- oder unmittelbar an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen teilnimmt. Das bedeutet die „Einschränkung der aus sich konzentrierendem Eigentum: an den Produktionsmitteln entspringenden Herrschaftsmacht“, aber! auch einen Klassengleichstand in Deutschlands Krankenhäusern. Denn „die SPD; ist nicht angetreten das Drei-Klassen-Wahlrecht abzuschaffen, um es in den Krankenhäusern wieder einzuführen“, bemerkt Karl-Heinz Luckhardt, SPD-Vorsitzender in Kiel, Mitarbeiter und „linke Hand des linken Steffen“, der mit „linker Politik“ erst vor wenigen Tagen bei den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein für die SPD beträchtlich Boden gewann.