Vorsorge-Untersuchung in Deutschland wird noch stark vernachlässigt Falsche Einstellung der Sozialversicherungen

Von Heinz Heininger

Aus Passau machte sich ein Großvater eigens nach Frankfurt auf, um von Professor Wilhelm Theopold, dem Leiter der Hoechster Kinderklinik, Ratschläge für die medizinische Versorgung eines neugeborenen Enkelkindes zu holen. Telegramme, Anrufe und Briefe erreichten den Professor aus der ganzen Bundesrepublik. Der Kinderarzt hatte in einem Fernsehbericht („Zur Krankheit verurteilt?“) demonstriert, wie die Gefahr einer unheilbaren Schädigung des kindlichen Gehirns durch eine tückische Krankheit rechtzeitig erkannt werden kann.

Sowohl die von Theopold registrierte Reaktion beunruhigter Eltern als auch die Flut von Zuschriften, die bei den beiden Autoren der Fernsehsendung, Dieter Menninger und Gottfried Gülicher, eintraf, demonstrieren: Die meisten Bundesbürger wissen weder von den Gefahren, die die Gesundheit der Kleinkinder bedrohen, noch von den ärztlichen Möglichkeiten, körperliche oder geistige Mängel schon im Säuglingsalter aufzuspüren, zu beheben oder wenigstens zu lindern.

Die Folge: Die 60 000 bis 80 000 behinderten Kinder, die jährlich in der Bundesrepublik geborenwerden (Geburten insgesamt: rund 900 000), haben kaum mehr Chancen auf rechtzeitige Erkennung und Behandlung ihrer Krankheiten als ihre Leidensgefährten vor vierzig Jahren. Der Sozialmediziner und frühere Leiter des Bundesgesundheitsamtes, Professor Wilhelm Hagen, formulierte polemisch: „Die Gesundheitsvorsorge hat inzwischen in den Großstädten und dem Industriegebiet die alte Qualität der zwanziger Jahre erreicht.“

Gravierende Folgen

Dabei hat die Medizin in der Zwischenzeit eine Anzahl wirksamer Früherkennungs- und Behandlungsmethoden entwickelt. Doch, so Professor Theopold, viele ärztliche Möglichkeiten liegen brach oder werden in viel zu geringem Maße genutzt.