Von Kurt Wendt

In den letzten Apriltagen sanken die Aktienkurse an der New Yorker Börse auf einen Stand, den sie zuletzt unmittelbar nach der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy erreicht hatten. Gleichzeitig fielen die deutschen Aktien in einem bedrohlichen Tempo. Ihre Kurse liegen jetzt auf etwa gleicher Höhe wie zu Beginn 1968. Zwei Hausse-Jahre sind also ausgelöscht! In Tokio kam es, fast zur gleichen Zeit zum größten Kurseinbruch in der Geschichte der japanischen Börse. An den Verkäufen, die einer Panik gleichkamen, waren sowohl Ausländer als auch japanische Kleinanleger beteiligt. Am 1. Mai rutschten die Kurse an der Londoner Börse auf einen neuen Tiefstand. Noch nie in den letzten drei Jahren waren englische Aktien so „billig“ wie heute.

Die Ursachen für die weltweite Börsenmisere sind vielschichtig. Der Hauptgrund ist sicherlich die jetzt in fast allen westlichen Staaten mit Energie betriebene Anti-Inflationspolitik, durch die über eine Rezession die Rückkehr zur relativen Geldwertstabilität erreicht werden soll. Der Konjunkturgleichschritt muß schließlich auch zu einer einheitlichen Börsentendenz führen.

Ohne Zweifel liegt der Schlüssel der gegenwärtigen Börsenentwicklung in den USA. Dort ist die Lage aber am bedrohlichsten. Sie ist sogar so schlimm, daß der amtierende Präsident Nixon sich verpflichtet fühlte, selbst ein Wort zur Börsensituation zu sagen: „Wenn ich Geld hätte, würde ich jetzt Aktien kaufen!“ Damit hielt er zwar zunächst einen weiteren Kursverfall auf. Eine Wende bringen solche Sprüche natürlich nicht.

Die Kriegsausweitung in Südostasien und die heikle Lage im Nahen Osten haben die amerikanische Börse härter getroffen, als viele zunächst angenommen hatten. Die Ereignisse in Indochina verringern die Aussichten auf eine Lockerung der Restriktionspolitik und damit auf einen endlich sinkenden Zins. Der stellvertretende Direktor des amerikanischen Budgetbüros, Maurice Mann, erklärt: „Es besteht kein Grund für übermäßig starke Lockerungen der monetären und Fiskalpolitik im gegenwärtigen Zeitpunkt. Solche exzessiven Lockerungen ebnen vermehrten Erhöhungen der Preise und Löhne den Weg und entfachen erneut den inflationären Auftrieb. Selbst kleine Veränderungen von einem Haushaltsüberschuß zu einem Budgetdefizit würden sich psychologisch bereits stark auf die Finanzmärkte auswirken und künftigen Erhöhungen der Preise und Zinssätze Vorschub leisten.“

Amerikas Kleinaktionäre sind unruhig geworden und, was ebenso schlimm ist, auch die Besitzer von Investment-Anteilen. Die großen Industriekonzerne melden rückläufige Gewinne. Katastrophal wird die Lage jener Firmen, die sich – auf einen ewigen Boom vertrauend – hoch verschuldet haben und die jetzt, da das erhoffte „Wachstum“ ausbleibt, auf hohen Zinslasten sitzen. Bedrohlich wird die Situation auch für die Brokerfirmen. Ihre Effektenumsätze sind geschrumpft, aber nicht ihre Unkosten.

Bache & Co. – weltweit bekannte Broker – haben Ende Januar 500 Angestellte entlassen. Die Tochtergesellschaft, das Frankfurter Bankhaus Bache & Co., stellt praktisch ihre Tätigkeit ein. Zwei Brokerfirmen haben inzwischen liquidiert, andere haben alle Hände voll zu tun, um Konkursgerüchte zu widerlegen. Eine einzige Pleite, bei der kleine Sparer ihr Geld verlieren würden, könnte die zur Zeit noch schleichende Krise zu einer offenen machen.