Von Dietrich Strothmann

Die Israelis ließen sich Zeit. Wochen vergingen, ehe sie Washington mit einem Alarmruf aus der Ruhe – manche sagen bereits: der Gleichgültigkeit – schreckten: Im Nahen Osten bestünde eine Situation wie damals in Kuba. Durch den Einzug einer vollständigen sowjetischen Luftabwehrdivision in Ägypten (zum Aufbau und zur Bemannung von rund dreißig SAM-3-Raketenstellungen) und durch die Beteiligung sowjetischer Piloten (in MIG-21-Düsenjägern) an Operationsflügen über ägyptischen Industriezentren sei das israelisch-arabische Machtgleichgewicht empfindlich gestört worden.

Die Regierung in Jerusalem erwartet von Präsident Nixon nun nicht nur die Lieferung der für den Notfall in Aussicht gestellten hundert zusätzlichen Kampfflugzeuge; Washington soll Moskau mit aller Härte erklären: Die Grenze des geduldeten militärischen Engagements ist von jetzt an überschritten. Mit beiden, der Verstärkung der israelischen Luftflotte und der Demarche, darf Jerusalem rechnen. Ob es freilich großen Gewinn aus Nixons Unterstützung ziehen kann, bleibt dahingestellt.

Denn noch ist nicht deutlich genug geworden, ob sich Israel in seiner Existenz von dem sowjetischen Aufmarsch am Nil direkt bedroht fühlt – oder ob es für die Regierungschefin Golda Meir nicht auch noch andere Gründe gibt, plötzlich Alarm zu schlagen. Der Merkwürdigkeiten gibt es genug.

Da ist einmal die reichlich späte Bekanntgabe der drohenden Gefahr. Seit Anfang März bereits ist aller Welt bekannt, daß die Sowjets neue Raketenbasen an den gefährdeten Positionen des ägyptischen Hinterlandes aufbauen, am Stadtrand Kairos, im Heluan-Industriebezirk, am Assuan-Staudamm und am Hafen von Alexandrien. Nachdem die Israelis an der Kanalfront die Radarleitstellen für die SAM-2-Raketen außer Gefecht gesetzt haben und zur Entlastung der Suez-Kampflinie ungehindert ägyptisches Territorium bombardieren konnten, brauchte Nasser einen besseren Schutzschild. Die SAM-3-Rakete, die gegen tieffliegende Maschinen eingesetzt wird, gibt ihm diese Sicherheit. Seit die ersten Flugabwehrgeschosse – samt den Radarkontrollen – gefechtsklar sind, hat Verteidigungsminister Dayan die Vergeltungsangriffe gegen die zweite ägyptische Linie gestoppt. Die sowjetische Abschreckung hat also zunächst einmal gewirkt.

Die Situation am Kanal ist für Israel damit überaus bedrohlich geworden: Seit drei Wochen setzen die Ägypter wieder ihre Artillerie ein, werfen Bomben auf Stellungen im Sinai und schleusen Kommandotrupps über den Suez. Die monatliche Verlustrate auf israelischer Seite, mit fast dreißig Toten und über siebzig Verwundeten, ist wieder so hoch wie im Juli des vergangenen Jahres, ehe die Bombardements im Nildelta begannen. Nicht die sowjetischen Düsenjägerpiloten und die Defensivraketen machen den Israelis unmittelbar zu schaffen, sondern daß sie Nasser freien Raum geben, seinen „Zermürbungskrieg“ an der vordersten Kampffront mit unverminderter Stärke fortzusetzen.

Das ist die neue Phase der Eskalation, auf die sich Israel einstellen muß. Seine Taktik der „Gegenzermürbung“ hat ihm nur eine kurze Atempause verschafft. Sie hat es den Sowjets ermöglicht, ihre Globalstrategie für den Nahen Osten fortzusetzen: Ägypten ist heute Moskaus Satellit.