Von Hans Otto Eglau

Kurt Fiebich, Star-Opponent in deutschen Firmen-Hauptversammlungen, bewies einmal mehr Gespür für wirkungsvolle Auftritte. Vor der Wahl, am 2. Juli entweder das Aktionärstreffen des Volkswagenwerks oder der wesentlich kleineren Neckermann Versand KGaA zu besuchen, entschied sich der Dortmunder für das Frankfurter Versandhaus. Fiebich: „Ich glaube, da ist diesmal mehr los.“

Es sieht so aus, als ob Fiebich recht behalten wird. Denn während die VW-Aktionäre bestenfalls über eine zu geringe Erhöhung ihrer Ausschüttung um 1,10 Mark pro Aktie murren können, haben Besitzer von Neckermann-Papieren ausgerechnet auf dem Gipfel des Konjunkturbooms einen schmerzhaften Dividendenschnitt zu beklagen: Statt – wie im Vorjahr – sechs Mark, werden sie in diesem Jahr nur noch zwei Mark für die 50-Mark-Aktie erhalten. Firmenchef Josef Neckermann: „Uns ist dieser Entschluß wirklich nicht leichtgefallen.“

Schon bei der Präsentation seines Frühjahr-Sommer-Katalogs Anfang des Jahres hatte der Frankfurter Großversender seine Aktionäre mit der Vorankündigung erheblicher Ertragseinbußen aufgeschreckt. Zuvor waren bereits an anderer Stelle Schwächeanzeichen im Hause Neckermann registriert worden: an der Börse. Seit dem 3. Januar vorigen Jahres, als die Versand- und Warenhausfirma 169,70 Mark notierte, sank der Kurs bis heute fast auf die Hälfte ab. Ende April wurde er an den Börsentafeln nur noch mit 89 angeschrieben. An den Maklerschranken machten die Namen möglicher Neckermann-Aufkäufer wie Börsenwitze die Runde. Am häufigsten wurden genannt: die Horten AG und der New Yorker Nähmaschinenkonzern Singer.

Helmut Horten hatte bereits 1963 über eine Beteiligung an der Frankfurter Versandfirma mit Josef Neckermann verhandelt. Er sollte für den Großindustriellen Friedrich Flick einspringen, der seinen Gesellschaftsanteil an Neckermanns Unternehmen von 36 Millionen Mark zurückziehen wollte. Doch die Verhandlungen blieben stecken, weil Josef Neckermann dem Düsseldorfer Warenhausboß keinen bestimmenden Einfluß in seinem Hause einräumen wollte. Ein Singer-Interesse an Neckermann halten Experten für denkbar, seit der US-Konzern seinen vor den Toren Frankfurts gelegenen Versandstützpunkt, die Firma Schwab in Hanau, für ein Per-Post-Geschäft im Euro-Maßstab ausbaut.

Neckermanns Bericht zur Lage, in der vorigen Woche im 21. Stock des Frankfurter Intercontinental-Hotels abgegeben, brachte die Verkaufsgerüchte nicht zum Verstummen, denn noch nie war die Lage in den letzten Jahren so ernst. Daß die Firma überhaupt noch eine Dividende ausschütten und 2,9 Millionen Mark in die Rücklagen einstellen kann, verdankt sie allein zwei Tochtergesellschaften: der N-U-R Neckermann und Reisen, die dank einer Auslastung ihrer Pauschalprogramme von mehr als 95 Prozent einen Gewinn von 5,4 Millionen Mark abführte, und die Fertighausfirma Neckermann Eigenheim GmbH, die 626 000 Mark erwirtschaftete. Im reinen Warengeschäft (Umsatz: 1,6 Milliarden Mark, davon 61. Prozent in Warenhäusern und 39 Prozent im Versand) erzielte Neckermann nur einen Miniüberschuß von rund einer Million Mark. Im vergangenen Jahr waren es noch 12,8 Millionen.

Die Gründe für den Ertragsverfall suchte Josef Neckermann außerhalb seiner Firma. Neckermann: „Von der Kostenseite her war 1969 das schwierigste Jahr seit der Währungsreform.“ Tatsächlich mußte der Versandherr im letzten Jahr Lohnerhöhungen von über 10 Prozent und – als Folge von drei Diskonterhöhungen – eine zusätzliche Zinslast von fast 2,5 Millionen Mark verkraften. Überdies traf Neckermann die Konkurrenz von Verbrauchermärkten und Selbstbedienungswarenhäusern am Rande der City härter als nahezu alle anderen Handelskonzerne. Mit einem Umsatzplus von 7,2 blieb er nicht nur hinter Quelle (12 Prozent) und Otto (17 Prozent) zurück, sondern auch hinter den Warenhäusern Karstadt (8,7 Prozent), Horten (9,5 Prozent) und Hertie (11 Prozent).