Der amerikanische Präsident handelte aus Ohnmacht und gegen sein eigenes Programm

Von Joachim Schwelien

Washington, im Mai Viele Amerikaner verwünschten Präsident Nixon, aber nicht wenige beglückwünschten ihn, als er den Befehl zum Vorstoß amerikanischer Kampfverbände nach Kambodscha gegeben hat. Gerechtfertigter wäre es, Nixon zu bedauern.

Er handelte wie ein Mann, der in einer ausweglosen Situation, in der jeder Entschluß und jede Unterlassung falsch sind, blind um sich schlägt. Sein Vorgehen demonstriert in jedem Fall die Hilflosigkeit einer Weltmacht, die sich von einem kleinen kommunistischen Staat Asiens jetzt schon sechs Jahre unter Zugzwang gestellt sieht.

Der Einmarsch in Kambodscha und die Wiederaufnahme von begrenzten Luftangriffen auf Nordvietnam stehen in einem eklatanten Widerspruch zu Nixons Vorsatz auf eine schrittweise Loslösung Amerikas aus dem Konflikt in Südostasien, den er gerade zehn Tage zuvor mit der Ankündigung eines Abzugs von weiteren 150 000 amerikanischen Soldaten in Jahresfrist bekräftigt hatte. In Washington siegten die Generäle – aber damit gerieten die USA und ihr Präsident in eine nahezu unhaltbare Lage.

Die von Nixon vorgetragenen Argumente sind zwar verständlich, aber auch so widerspruchsvoll und bestreitbar, daß sich der Eindruck durchsetzt, er habe seine eigene Logik von der „Vietnamisierung“ des Krieges fallengelassen und sei den trügerischen Lockungen zeitweilig erreichbarer militärischer Vorteile erlegen, die sich schließlich doch wieder nicht in die politische Münze einer Friedensregelung für Südostasien umsetzen lassen.

Bei dem heftigen Aufeinanderprall emotionaler Aufwallungen der Amerikaner sollte sich der ausländische Beobachter in keinem Fall mit der einen oder der anderen Seite identifizieren, denn das schlösse ein nüchternes Urteil darüber aus, wohin Amerikas Aktionen führen werden. Die Tatsachen und die für sie gegebenen Begründungen sprechen in diesem Fall eindeutig für sich selbst: erstens das Wahlversprechen Richard Nixons, den Krieg zu beenden, und zweitens das von Beginn der amerikanischen Verwicklung in Südostasien an verfolgte unumstößliche Prinzip, den Krieg begrenzt zu halten und daher eine Invasion der Amerikaner in Nordvietnam auszuschließen.