Von Petra Kipphoff

Betty Friedan, die dem „Weiblichkeitswahn“ mit einem Buch gleichen Titels schon 1962 den Kampf ansagte und 1966 die amerikanische National Organisation for Women (NOW) gründete, hat für den 26. August 1970 zum Streik der amerikanischen Frau aufgerufen: An diesem Tag sollen alle Frauen, egal ob im Beruf tätig oder zu Hause, irgendwo herumsitzen und keine Hand rühren; völlig untätig sollen sie sein.

Die Nachricht von Betty Friedans Aufruf war in der Personalienspalte oder auf der Vermischtenseite der Tageszeitungen zu lesen, dort, wo auch mitgeteilt wird, daß im örtlichen Zoo ein Affe entsprungen ist und daß Prinzessin Margaret eine neue Badewanne für ihr Heim entworfen hat.

Die Nachricht hätte in den Wirtschaftsteil gehört: denn wenn am 26. August wirklich 51 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausfallen, dann ist die noch immer größte Industrienation der Welt einen Tag lang nicht funktionsfähig. Im Wirtschaftsteil wäre die Notiz auch von Männern gelesen worden und nicht nur von Frauen, die in der Mehrzahl die neue Badewanne von Prinzessin Margaret wirklich wichtiger und den Aufruf von Betty Friedan noch verrückter finden, als die meisten Männer es tun.

Die Notiz hat nicht im Wirtschaftsteil gestanden: weil es zwar eine Realität ist, daß in Industrieländern wie den USA, Schweden, England oder der Bundesrepublik rund ein Drittel der abhängig Beschäftigten Frauen sind, aber eine höchst unwahrscheinliche Vorstellung, daß Frauen sich als Geschlecht solidarisieren und streiken. Studenten, Metallarbeiter, Neger, Lehrer, kurz, Gruppen, die sehr spezifische gemeinsame Ziele haben, können streiken. Aber die Frau zu Hause, die Sekretärin im Büro, die Kollegin am Fließband – was verbindet die? Ihr Geschlecht? Die unterschiedlichen Funktionen, die sie ausüben, diese Rollen, die ihnen teils angeboren, teils anerzogen sind?

Das eben ist die Frage, die am 26. August einer ernsten Probe unterzogen wird, eine Frage, die Simone de Beauvoir, die Frau, die das Thema kennt und die Situation ihres Geschlechtes am exaktesten und souveränsten durchdacht hat, negativ beantwortet: „Frauen sagen nicht ‚wir‘, es sei denn, auf gewissen Kongressen, die aber theoretische Kundgebungen bleiben“ („Das andere Geschlecht“, 1949).

Seit Simone de Beauvoirs Buch und besonders in den letzten anderthalb Jahren haben vorwiegend in den USA, aber auch in Holland und England, Frauen in größeren und kleineren Gruppen doch „wir“ gesagt, und das in einer Lautstärke und Dezidiertheit, daß der Anthrophologe Lionel Tiger von der Rugers University meinte: verglichen mit der kommenden Revolution der Frau sei das Negerproblem eine Bagatelle. Der gleichen Meinung ist auch Robert Jungk, der zu Neujahr 1970 in der Münchner „Abendzeitung“ konstatierte: die Zukunft der Frau habe gerade begonnen, und zwar in Form einer Rebellion.