Von Elena Schöfer

Wissenschaftliche Tagungen sind im allgemeinen so gut – oder so schlecht, so stimulierend – oder so wirkungslos, so aufschlußreich – oder so nichtssagend wie die Vorträge, die bei diesem Anlaß gehalten werden.

Die „7. Hamburger psychiatrisch-medizinischen Gespräche“ fielen auch in dieser Hinsicht aus dem Rahmen: Nicht nur, daß die Podiums- und Auditoriumsdiskussionen fast wichtiger schienen als die in der Mehrzahl immerhin wegweisenden Referate über das Thema „Die Rückkehr der psychisch Kranken in die Gesellschaft“; ebenso bezeichnend für die gegenwärtige Lage der Sozialpsychiatrie in der Bundesrepublik war das, was bis zum letzten Tag unausgesprochen blieb: die Frontenbildung unter den Standesvertretern, die falsche Einmütigkeit, die Gruppendynamik im Publikum, die beschleunigten Pulse, die schweißtreibenden Ängste und Erwartungen jedes einzelnen im Augenblick des Eklats.

Heiko Waller hatte Untersuchungsergebnisse „Zur sozialen Selektion einer psychiatrischen Klinik“ referiert, die ein Student unbefangen dahingehend interpretierte, Arbeiter würden in der Psychiatrie diagnostisch und therapeutisch benachteiligt. Der – freilich nicht allein – angegriffene Gastgeber und Chef des Hauses, Professor Hans Bürger-Prinz verließ unter Protest und Türschlagen den Saal.

Der Affront gegen die imposante Vaterfigur, Sinnbild jener individualistischen Tradition in der Psychiatrie, der die Reflexion auf ihre politische Gebundenheit bis heute fremd geblieben ist, wirkte wie ein Signal zur offenen Feldschlacht. Die Solidaritätskundgebungen der Honoratioren schlugen jedoch nicht ein. Das Establishment von niedergelassenen Ärzten, Anstalts- und Anstalts-Abteilungsleitern verstummte oder zog aus.

Übrig blieben jene, die das Thema der Veranstaltung so verstanden, wie es ihr Initiator, Dr. Klaus Dörner, gemeint hatte: Die „Rückkehr“ der psychisch Kranken in die Gesellschaft bedeutete in erster Linie nicht deren individuelle „Rehabilitation“, sondern die Aufhebung ihrer kollektiven Ausgrenzung aus der kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Anders als am Vortag ging es nun nicht mehr um die ideale Zusammensetzung und Organisation eines „sozio-therapeutischen Teams“, um Tag- und Nachtkliniken, um Gruppen- und Arbeitstherapie – also um all jene überaus notwendigen und in der Bundesrepublik ebenso seltenen Einrichtungen, die die Patienten in das vorhandene gesellschaftliche System wiedereingliedern helfen. Es ging um die Konsequenzen aus der Einsicht, daß dieses System ständig psychisch Kranke reproduzieren und – da es sie als solche definiert – letzten Endes auch stets dem Leben der Allgemeinheit fernhalten muß.

Denn seit Beginn der Neuzeit, „das heißt seit die Menschen sich anschicken, ihre gesellschaftlichen Verhältnisse rigoros zu rationalisieren, auf Zweckrationalität zu stellen, suchte man alle diejenigen auszugrenzen, die hinsichtlich der Normen der bürgerlichen Vernunft – also hinsichtlich Besitz, Anpassung und psychischer Gesundheit – unvernünftig zu sein schienen: die Armen, die Unangepaßten und die psychisch Kranken“.