Von Heinz F. Schafroth

Aber ich sage Ihnen, daran erkennen Sie de, sie nehmen Boote. Das ist eindeutig. Wenn Sie hören ICH BLIES DIE FLÖTE oder ICH FING MÜCKEN oder ICH GING VON A NACH B, wissen Sie einiges. Wenn Sie aber hören ICH NAHM EIN BOOT, dann wissen Sie alles.“ Auf solche Sätze muß ich hereinfallen. Sie sind von einer Selbstverständlichkeit, die Widerrede ausschließt. Sie gestatten keinen Einspruch, weil sie klarmachen, daß sie ihn nicht zur Kenntnis nehmen würden. Dabei sind sie nicht magisch; aber so völlig persönlich, daß sie unangreifbar werden.

Ich kann, wie gesagt, nur auf sie hereinfallen. Besser: in sie hineinfallen.

Man kann sich irgendwo in dieses Buch – Ilse Aichinger: „Auckland“, 4 Hörspiele; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 152 S., 12,– DM

hineinfallen lassen, immer fällt man bei klarem Bewußtsein, der Fall ist nicht von Schwindel oder Ohnmacht begleitet, und schließlich wird er auf einmal gebremst werden: Der Text hat auf den Boden der Realität geführt. Frau Holles Welt ist in allen Elementen die unsere, Bäume und Brote sprechen zwar, aber durchaus unsere Sätze, so daß sich am Ende die Gewißheit von der Realität der tieferen Ebene einstellt.

Man liest diese Hörspiele nicht sofort in dieser Gewißheit. Sie setzt sich durch gegen alle möglichen Widerstände, die daher rühren, daß die logischen Zusammenhänge fortwährend auseinandergerissen sind und daß die Personen nicht charakterisiert werden, meist ohne Individualität und Persönlichkeit sind, im extremen Fall einfach Vau und We („Auckland“) heißen und ohne Gesicht und auch sonst nicht umrissen sind: Manchmal können sie Tier, Wind, Schiff zugleich sein („Nachmittag in Ostende“). Auch Landschaften, Schauplätze sind so behandelt, werden selten ausgeführt, wenig differenziert oder werden überhaupt entzogen. Ähnliches geschieht mit der Zeit: Sie wird systematisch aufgehoben, in „Die Schwestern Jouet“ zum Beispiel: „Cannes, wo ist das?“ „Bis dahin ist es da.“

Aus all dem scheint hervorzugehen, daß zunächst die totale Zertrümmerung der Realität Ziel dieser Dichtung ist. In Ansätzen war diese Tendenz bei Ilse Aichinger immer schon erkennbar. Wahrscheinlich bereits in den besten Passagen des 1948 erschienenen Romans „Die größere Hoffnung“, in den wichtigsten der frühen Erzählungen („Spiegelgeschichte“, 1951, für die Ilse Aichinger einen der ersten Preise der Gruppe 47 erhalten hat), ganz sicher aber in den Dialogen (etwa „Nicht vor Mailand“, 1959) und in den Erzählungen des Bandes „Eliza Eliza“ (1965).