Die Ausweitung des Indochina-Krieges durch den Einmarsch südvietnamesischer und amerikanischer Truppen in Kambodscha ist in der ganzen Welt mit Unruhe aufgenommen worden. Die innen- und außenpolitischen Folgen der von Präsident Nixon angeordneten Aktion sind noch nicht abzusehen. Am Wochenanfang kam es zu neuen scharfen Reaktionen auf das amerikanische Vorgehen:

  • Der sowjetische Ministerpräsident Kossygin verurteilte auf einer Pressekonferenz in Moskau das amerikanische Vorgehen in Kambodscha und drohte gleichzeitig an, daß seine Regierung aus der entstandenen Situation die „notwendigen Konsequenzen“ für ihre Politik ziehen werde. Als mögliche unmittelbare Folgen des Einmarsches nannte Kossygin eine Verschlechterung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, ehe Erschwerung der Abrüstungsverhandlungen in Wien, eine Überprüfung der sowjetischen Militärhilfe-Verpflichtungen gegenüber Nordvietnam sowie eine weitere Verschärfung der gesamten Weltsituation,
  • Die chinesische Regierung bezeichnete

den amerikanischen Einmarsch als „rücksichtslose Provokation“ gegen das chinesische Volk und sagte dem „Kampf der indochinesischen Völker“ gegen Amerika unbedingte Unterstützung zu.

  • Der außenpolitische Ausschuß des US-Senats griff in einer außerordentlich scharfen Erklärung die Ausweitung des Krieges in Indochina an. Präsident Nixon führt nach Ansicht des Ausschusses einen „verfassungsmäßig nicht genehmigten Präsidenten-Krieg“ in Kambodscha.

Das amerikanische Verteidigungsministerium hat inzwischen die Serie schwerer Luftangriffe gegen nordvietnamesische Raketen- und Luftabwehrstellungen für beendet erklärt, jedoch hinzugefügt, daß sie, falls notwendig, wiederaufgenommen würden. Die Bombenangriffe, die zeitlich mit dem Eingreifen der US-Streitkräfte in Kambodscha zusammenfielen, richteten sich gegen verschiedene Zielgebiete an der laotisch-vietnamesischen Grenze.

Nach Angaben des Weißen Hauses hat sich das kambodschanische Unternehmen „über Erwarten gut“ angelassen.

Präsident Nixon hatte das Vorgehen der amerikanischen Truppen nach Kambodscha in einer Fernsehansprache (siehe auch Dokumente der Zeit) angekündigt. Er erklärte, die Streitkräfte würden das Land in sechs Wochen bis zwei Monaten wieder verlassen, wenn die nordvietnamesischen Versorgungslager, Nachrichtenzentren und Kommandostellen ausgeschaltet seien, die die Sicherheit der noch in Südvietnam verbleibenden amerikanischen Verbände bedrohen. Die Angriffe richteten sich gegen Gebiete an der kambodschanisch-vietnamesischen Grenze, die „Angelhaken“ und „Papageienschnabel“ genannt würden. In diesem Gebietsstreifen, so sagte Nixon, befänden sich seit etwa fünf Jahren die Kommandozentralen der Nordvietnamesen für ihre Aktionen in Südvietnam.