Von Hans Peter Bull

Unser Strafvollzug ist in den letzten Jahren humaner geworden, aber er ist immer noch inhuman. Ob er effektiver geworden ist, wissen wir nicht; er ist immer noch ineffektiv. Gibt es Hoffnung, daß sich das ändern wird?

Staatliches Strafen ist an sich zutiefst fragwürdig: Sein Sinn ist umstritten, sein Zweck wird selten erreicht, seine Folgen sind oft verhängnisvoll. Für einen humaneren und wirksameren Strafvollzug, soweit er überhaupt bei diesen Zweifeln möglich ist, setzen sich einige hundert Experten und sogar ein paar Politiker ein, und seit Herbst 1967 arbeitet die Strafvollzugskommission des Bundesjustizministeriums unter Vorsitz von Professor Rudolf Sieverts an einem umfassenden Reformprogramm; sie hat inzwischen schon umfangreiche Grundsätze und Richtlinien veröffentlicht.

Aber ein realer Wandel ist noch lange nicht abzusehen. Es fehlt an Geld, Menschen und Gesetzen. Mit mehr Mitteln, besserem Personal und besseren Gesetzen könnte man einige – kleine – Schritte vorankommen. Schon dies ist mühsam genug. Zu vieles liegt im argen, zu verflochten sind die Probleme – wer eines davon anpacken will, sieht sich mit Hunderten konfrontiert, und am schwersten wiegt das gesellschaftliche Vorurteil gegenüber den Kriminellen: Straf rechts- und Strafvollzugsreform ist Gesellschaftsreform.

Und dennoch: man kann nicht auf die Revolutionierung der Gesellschaft warten, sondern muß hic et nunc reformieren, notfalls an Symptomen herumkurieren und das eine oder andere Glied amputieren, wenn man nicht ganz resignieren will. Aus der Fülle der Vorschläge und Forderungen seien elf Punkte zusammengestellt, bei denen man ansetzen könnte und müßte.

1. Die alten Zuchthäuser und Gefängnisse, die zum Teil noch im Kaiserreich gebaut worden sind, müssen abgerissen und durch moderne Anstalten ersetzt werden. In den düsteren alten Zwingburgen mit ihren viel zu engen, menschenunwürdigen Zellen lassen sich zeitgemäße päagogische Methoden nicht praktizieren. Hier atmen die Mauern autoritären, erziehungsfeindlichen Geist, auch wenn sie gelegentlich frisch gestrichen werden; die kalten Kirchsäle ersetzen nicht Gruppenräume und Werkstätten; sanitäre und technische Anlagen sind nicht mehr zu modernisieren. Es kommt keineswegs darauf an, „schön“ oder gar luxuriös zu bauen. Funktionsgerecht sollen die Anstalten sein, das heißt so, daß die Gefangenen unter möglichst normalen Bedingungen wohnen, arbeiten, lernen und miteinander und mit der Umwelt kommunizieren können. Ihre sichere „Verwahrung“ darf nicht zum Hauptzweck werden.

Leider sind selbst nagelneue Anstalten nicht immer modern: Während etwa die im vorigen Jahr eröffnete Jugendstrafanstalt Bremen-Blockland wenig Ähnlichkeit mit einem „Knast“ alter Art hat, wird die soeben bezogene Jugendanstalt Hamburg-Neuengamme (ZEIT Nr. 10) von Kritikern als „die modernste Anstalt des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet: ein Zellenbau mit vier zum Treppenhaus hin offenen Geschossen, in der Mitte eine riesige Aufsichtszentrale, lange Gänge, auf der Außenmauer Wachttürme (freilich gibt es auch vorzüglich ausgerüstete Schulräume und Werkstätten). Von der seit langen empfohlenen Alternative zu den „Konzentrationsbauten“, dem Pavillonsystem, hat man bedauerlicherweise keinen Gebrauch gemacht.