Die audiovisuelle Zukunft, in der die Bildkassette als gleichberechtigtes oder überlegenes Medium neben Buch, Schallplatte, Tonband, Fernsehen und Hörfunk treten wird, zeichnet sich heute bereits deutlicher ab als noch vor zwei Monaten. Zumindest läßt sich genauer übersehen, welche technischen Systeme demnächst tatsächlich angeboten werden, was sie leisten und nicht zuletzt wieviel sie kosten.

Früher als erwartet haben sich eine Reihe von Firmen, die auf das Magnetverfahren setzen, welches als einziges Aufzeichnungen von Fernsehsendungen erlaubt, auf eine Kassettennorm geeinigt: Philips, Gründig, AEG-Telefunken, Blaupunkt, Loewe-Opta und in Italien Zanussi. Damit gibt es praktisch eine Deutschland-Norm, die Chancen hat, zur Europa-Norm zu werden. Die Einigung mit den Japanern, die in der Video-Recorder-Technik am weitesten fortgeschritten sind, kam dagegen nicht zustande: Sie haben sich vorerst mit ihrer eigenen "Asien-Norm" abgefunden.

Die Firma Philips, die auf diesem Gebiet technische Pionierarbeit geleistet hat, kündigt bereits für den Herbst 1971 die Serienfabrikation ihres Geräts (VCR, für "Video Cassette Recorder") an. Der Termin ist überraschend, der Preis nicht minder: Als Schwarzweiß-Abspielgerät wird es unter 1200 Mark kosten, als Schwarzweiß- und Färb-Abspielgerät unter 1500 Mark, als komplettes Gerät für Aufnahme und Wiedergabe in Schwarzweiß und Farbe um 2000 Mark.

Das VCR-Gerät kann an die Antennenbuchse jedes beliebigen Fernsehempfängers angeschlossen werden. Da es einen eigenen Empfangsteil besitzt, kann man mit ihm ein Fernsehprogramm aufnehmen, während man ein anderes ansieht. Es kann sich, mit Hilfe einer eingebauten Uhr, auch automatisch auf Aufnahme schalten. Die Halbzoll-Videobänder in den Kassetten haben zwei Magnettonspuren. Damit ermöglichen sie entweder Stereo-Ton oder Zweisprachigkeit: Original- und Synchronfassung zugleich.

Die Bildqualität soll besser werden als bei den heute im Handel befindlichen Schwarzweiß-Video-Recordern der gleichen Preisklasse – was sie allerdings auch dringend nötig hat, wie sich auf einer vergleichenden Vorführung aller Systeme, die die Bavaria kürzlich in München veranstaltete, sehr deutlich zeigte: Kein System lieferte so unscharfe Bilder wie das für den Privatgebrauch vereinfachte Magnetsystem.

Ein anderes technisches Problem, das der massenhaften Verbreitung des VCR-Systems im Wege stünde, scheint ebenfalls gelöst: IBM in den USA und Matsushita-National in Japan haben Schnellkopierverfahren entwickelt, die die Herstellung hoher Kassettenauflagen weniger kostspielig machen.

Bleibt als größtes Handikap zunächst der Preis des Video-Bandes. Noch kostet das leere Band von einer Stunde Spieldauer etwa 200 Mark; aber da zum Beispiel die japanische Firma Sony das gleiche für 50 Mark anbieten will, erscheint eine wesentliche Verbilligung einigermaßen wahrscheinlich.