Das Ende von Wissenschaft und Technik

Von Claus Grossner

An der Philosophie des Mannes, den Le Monde den "größten lebenden Denker" nannte und der von der deutschen Schulphilosophie noch zu Lebzeiten wie ein Heiliger verehrt und in kritiklose Ferne entrückt wird, ist zweierlei interessant: einmal, ob es zwischen Martin Heideggers Eintreten für den Nationalsozialismus und zwischen seiner Philosophie einen Zusammenhang gibt; zum andern, wie die Wirkung dieses Einzelgängers, über dessen Werk es heute schon eine fünfstellige Sekundärliteratur gibt, zu deuten ist.

Daß der Autor von "Sein und Zeit" sich zehn Monate lang für den Nationalsozialismus ausgesprochen hat, streitet er selber nicht ab: "Man vergißt die tragische Verwirrung, die 1933 existierte, die Armut, die Hoffnungslosigkeit, die Illusionen ..." Heidegger und seine Schüler reden von einem "Irrtum", der ihn am 27. Mai 1933 das Rektorat der Universität Freiburg übernehmen ließ. In seiner Antrittsrede sah er die allgemeine Begeisterung für Hitlers Nationalsozialismus als den "Willen zum geschichtlichen geistigen Auftrag des deutschen Volkes als eines in seinem Staat sich selbst wissenden Volkes". Heideggers Bibliographie für 1933/34 lautet: "Schlageter"; "Die junge Generation in Front: Arbeitsdienst"; "Deutsche Lehrer und Kameraden! Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen! In: Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und seinem nationalsozialistischen Staat".

Martin Heidegger hat überzeugend dementiert, daß er während seines Rektorats seinem "Lehrer Husserl in irgendeiner Form das Betreten der Universität verboten" habe (doch die 5. Auflage von "Sein und Zeit" erscheint 1941 ohne die ursprüngliche Widmung für Husserl). Es unterliegt auch keinem Zweifel mehr, daß Heideggers Rektoratsniederlegung vor Ablauf seiner Amtszeit eine Geste gegen die Nazis war, daß seine Philosophie den Nazis immer weniger geheuer wurde, daß er den Nationalsozialismus – etwa in den Nietzsche-Deutungen – kritisiert hat. Seine Vorlesungen wurden durch SS und SD überwacht, wie Georg Picht berichtet, den Heidegger damals sogar vor einem Gespräch mit ihm warnte, da es ihm schaden könne. 1969, zu Heideggers achtzigstem Geburtstag, kam Carl J. Burckhardt zur Feier ins Schloß Hagenwil, einer der wenigen noch lebenden Männer, die dem Nationalsozialismus offenen Widerstand entgegengesetzt haben.

So scheint einiges dafür zu sprechen, daß Heideggers NS-Rektorat eine Episode des Irrtums war. Doch wie die Zeit von 1933 bis 1945 heute, 25 Jahre nach der Kapitulation, nicht als historische Entgleisung hinweggefeiert werden kann, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher und geschichtlicher Bedingungen verstanden werden muß, die heute noch nicht verschwunden sind, so ist auch Heideggers scheinbar einmaliger Irrtum aus dem Ganzen seiner Philosophie und aus der Zeit, die diese Philosophie hervorgebracht hat, zu verstehen. Noch heute ist für ihn das bisherige "Nichtdenken der Seinsvergessenheit" "kein Versäumnis", sondern "eine Folge des Sichverbergens des Seins" – schon hier zeigt sich, wie die konkrete politische Geschichte übergeschluckt wird von der Philosophie, die politische Aktionen als unzurechenbare Irrtümer deklariert.

So wenig, wie die einzige Periode politischer Praxis in Heideggers Leben seiner Philosophie nur zufällig zugehört, so wenig ist auch Heideggers Wirkungsgeschichte von seinem Denken zu lösen. Weizsäcker nennt Heidegger "den wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts"; Gadamer spricht von ihm als "Genie"; in Japan und in den USA ist eine Heidegger-Renaissance ausgebrochen; Karl Rahner meint, "die heutige katholische Theologie ist ohne Martin Heidegger gar nicht mehr denkbar": Wie ist die Wirkung dieses Mannes zu erklären, der zurückgezogen am Freiburger Rötebuck lebt, nie einen Philosophenkongreß besuchte, nur noch orakelnd vom Seyn spricht – oder schweigt?