Monschau

Gastwirt H., Inhaber des renommierten Cafés am Markt handelte. Er warf einen Blick auf die gelben Tonnen im Fluß und die blaubesprühten Bäume am Ufer, tauchte den Fettpinsel in die Rostschutzfarbe und schrieb mit vor Erregung zitternder Hand auf ein Stück Pappe an seinem schmiedeeisernen Gitter: "Das ist Monschauer Kunst."

Der ketzerisch besorgten Frage des Realschulpfarrers Hoss: "Hat Monschau seinen Ausverkauf des Geistes?" war eine verneinende Bürgerinitiative gefolgt. Kultur, die sie meinten, hatte himmelstürmend und bodenständig zu sein: wo sie schon nicht Marienbild sein konnte, war sie doch wenigstens röhrender Hirsch. Bisher. Jetzt aber waren die Kategorien der Kunst für viele ins Wanken geraten, durch die Monschauer Ausstellung "Umwelt – Akzente – Expansion der Kunst".

Dreißig Künstler versuchten, Monschau und seine Bevölkerung durch Außenkunstprojekte, Aktionen, Ideen und Demonstrationen in einen Kunstprozeß miteinzubeziehen. Das Experiment reifte zum Mißverständnis: Explosion statt Expansion. Schrieben die Eifeler Nachrichten auch vermittelnd: "In Monschau stößt man auf Kunst", so war es doch richtiger: den Monschauern stieß die Kunst auf.

Sie trafen sich nachts, und das Ergebnis der Kunstdemontage ließ am Morgen Rückschlüsse auf die Strategie zu. Die Gegner "entarteter Kunst" schwärmten wohl in Gruppen verschiedener Waffengattungen aus. Eine Bürgerwehr ging mit Messern gegen die Freiballons vor, die zwischen Häuserreihen ihrem Ende entgegenpendelten. Und die Schwimmerriege wagte sich zur gleichen Zeit unter Einsatz ihres Lebens in die Fluten der Ruhr und versenkte die mit dicken Seilen vertäuten Kunstobjekte. Die Schaufelstaffel schließlich grub aus, was mühsam als Kunst eingepflockt worden war. Traditionalisten, die Pop als Verrat empfinden, atmeten erleichtert auf.

Indes – der Aufruf von Veranstaltern und Akteuren zur "geistigen Mitarbeit" fiel auch auf fruchtbaren Boden. Einige Bürger setzten eigene Akzente: Ein Holzbalkenarrangement zum Beispiel mit Besenstil und Judenstern. Und eine Passantin, die offenbar nicht zwischen echter und second-hand-Kunst zu unterscheiden vermochte, wunderte sich: "Findet hier auch ein Konzert statt?" Die Antwort blieb man ihr, trotz eines deutlich sichtbaren Klaviers im Wasser, schuldig. "Das ist, glaube ich, die Fortsetzung des Existentialismus," beschwichtigte ein Fremder. Und ein Einheimischer: "Hauptsache die Sonne scheint und die Kirche bleibt im Dorf." Er hatte wohl jenen Künstler im Sinn, der den vierzig Meter hohen Turm der evangelischen Kirche mit einem silbernen Seil am gegenüberliegenden Café vertäute, "um ihn vor scharfem Ostwind zu schützen". Gisela Marx