Von Marcel Reich-Ranicki

Wenn es auch, um es gleich zu sagen, pure Zeitverschwendung ist, diesen Roman zu lesen, mag es doch nicht ganz überflüssig sein, zu fragen, wie es zu einem derartigen literarischen Produkt kommen konnte –

Rolf Schneider: "Der Tod des Nibelungen" – Aufzeichnungen des deutschen Bildschöpfers Siegfried Amadeus Wruck, ediert von Freunden; R. Piper & Co. Verlag, München; 375 S., 22,– DM.

Denn seinem Verfasser, dem 1932 geborenen Rolf Schneider, fehlt es nicht an Intelligenz und Begabung, Witz und Beredsamkeit; und wir verdanken ihm den auf dem Hintergrund der DDR-Literatur höchst beachtlichen Erzählungsband "Brücken und Gitter" (1965) sowie das preisgekrönte Hörspiel "Zwielicht" (1966).

Schneider ist zunächst und vor allem ein Satiriker, Ironiker und Parodist, ein Mann der grotesken Parabel und der sarkastischen Gesellschaftskritik. Dies alles in der DDR?

Nun, man braucht ihn nicht zu bemitleiden. Gewiß, wo es schwer ist, keine Satiren zu schreiben, da ist es in der Regel noch schwerer, Satiren zu veröffentlichen; und wo man die Satiriker fürchtet, da haben die Schriftsteller, die etwas taugen, nichts zu lachen, da kann die Literatur nur vegetieren. Aber Rolf Schneider gehört nicht zu den Unberechenbaren und den schwer Lenksamen, zu den Unbequemen und den Hartnäckigen, die der SED Sorgen bereiten. Mit ihm läßt sich reden und verhandeln – vielleicht deshalb, weil er den Kommunismus nicht so ernst nimmt wie manche seiner schreibenden Generationsgenossen.

Nein, ein Fanatiker ist er bestimmt nicht, vielmehr ein gewandter und aufgeschlossener Pragmatiker des literarischen Gewerbes, ein cleverer und emsiger Routinier, dem man weder Weltfremdheit noch Borniertheit vorwerfen kann. Im Gegenteil, seine zahlreichen Arbeiten für Funk und Fernsehen, Theater und Film zeugen von Umsicht und vorzüglicher Marktkenntnis, von rascher und konsequenter Anpassungsfähigkeit und von handwerklicher Geschicklichkeit.