Zum Beispiel Freitag, 8. Mai vormittags. Um acht weckt mich der Hotelboy und bringt das "Bulletin". 8.45 im Olympia "Harry Munte", schwedischer Wettbewerbsbeitrag von Kjell Grede, der hier vor zwei Jahren einen ganz schönen Kinderfilm zeigte. Aber schon um 9 in der Salle Cocteau zwei französische Debütfilme der "Semaine", der "Woche der Kritik". Der Schwede läuft zwar nachmittags nochmal, aber da kollidiert er mit "Q-bec My Love" von Lefèbvre, einem der besseren frankokanadischen Cineasten. Vielleicht, wenn ich aus dem Schweden doch früher rausgehe, erwische ich wenigstens den zweiten Franzosen in der "Semaine". Um 10.30 schnell ins Majestic zu dem neuen Chabrol, "Le Böttcher". Allerdings verpasse ich darüber um 9.30 im Rex "Ramparts d’Argile" von einem gewissen Bertucelli (nie gehört), im Regent "Les Perversités de l’amour" (muß nicht sein), um 10 in der Salle B des Festivalpalais "Bullet Wound" (?), in der Salle C "L’Ange sauvage", im Star "Quiet Days in Clichy" (noch ein Pornofilm, der Anzeige zufolge), im Vox "Ils", im Club "Flirt" und, was bedauerlich ist, im Français zwei unbekannte Amerikaner der "Quinzaine des Réalisateurs". Um 11 im Großen Saal "Die Frucht des Paradieses" von Vera Chytilova ("Tausendschönchen"), da erwische ich die letzte halbe Stunde, vielleicht auch mehr, wenn der Vorfilm lang ist oder der Chabrol schlecht, so daß ich früher raus kann (den Anfang des Chytilova-Films kann ich dann abends in der Wiederholung sehen, wenn ich auf Sheldon Rochlins Living-Theatre-Film verzichte).

Am Mittag hatte ich "Harry Munte" mäßig interessant gefunden, war von "Le Boucher" begeistert gewesen und enttäuscht vom Schluß der "Frucht des Paradieses". Von Freunden hörte ich später, daß "Ramparts d’Argile" ein sehr schöner, stiller, böser Film aus Algerien ist und "Quiet Days in Clichy" der erste wirklich gute pornographische Film (nach Henry Miller), der den Zuschauer einmal nicht auf seinem Guckhunger sitzen läßt und sicher nie ungekürzt: in die Kinos kommt.

"Ich drücke mich davor, in Zeit- und Platzgedränge über einen Film zu reden, über den schon in der Vorführung so viel geredet wurde, daß man erst mühsam Vorformuliertes und Vorurteile abbauen müßte, um wieder an den Film zu kommen." Für diesen Satz in der "Süddeutschen" vom 13. Mai schüttele ich Alf Brustellin beide Hände. Der junge italienische Filmmacher Carmelo Bene bat vor der Aufführung seines "Don Giovanni" die anwesenden Journalisten, über den Film nicht zu schreiben, weil die Atmosphäre von Cannes eine Reflexion, wie sein Film sie erfordere, nicht gestatte. Unrecht hatte er damit nur insofern, als er allein für seinen Film ein Recht forderte, auf das wenigstens hundert andere ebenso Anspruch gehabt hätten. Und schließlich bezahlen uns die Zeitungen nicht dafür, daß wir nichts schreiben.

Daß in Festivalberichten, außer vom Wetter, nur von Filmen die Rede ist, liegt nicht etwa daran, daß es auf diese wirklich ankäme in Cannes Die entscheidenden Leute, dort sind die, die sich nicht einen Film ansehen. "Eine Cannes-Reise erspart ein Dutzend Geschäftsreisen." Zu berichten wäre über die Abschlüsse, die im Carlton getätigt werden, über Koproduktionsverträge und Auslandsverkäufe.

Das Festival von Cannes macht dem individuellen Journalismus auf dem Gebiet der-Filmkritik den Garaus – woran man schließlich auch seine Freude haben kann. Die Erfüllung der längst fragwürdigen Chronistenpflicht wird hier vollends zur Farce. Wer vorgibt, ohne brauchbare Information und vorherige Selektion aus fünfhundert Titeln eine Auswahl treffen, fünfzehn Tage hindurch wenigstens je fünf Filme sehen und zwischendurch über sie nachdenken und schreiben zu können, ist schon ein arger Schelm.

Längst vertritt das Wettbewerbsprogramm nichts anderes mehr als den eigenen Auswahlmechanismus. Was die amerikanischen Filme betrifft, so wird er bestimmt von der Werbestrategie der verschiedenen Konzerne. Ob dieser Film der Fox oder jener der Paramount in Cannes gezeigt wird oder nicht, hängt allein davon ab, ob es die New Yorker Firmenspitzen im Hinblick auf den Europastart des Films für opportun halten. Der, Berichterstatter, der sich wie kritisch auch immer über den Fox-Film "M.A.S.H." verbreitet, dient der Vorreklame in exaktem Timing mit dem Massenstart in seinem Lande. Was die anderen Staaten offiziell in Cannes vertritt, ergibt sich aus dem Zusammenspiel zwischen den nationalen Auswahlgremien und dem des Festivals, es repräsentiert den gemeinsamen Nenner.

Die Strukturen des offiziellen Festivals wiederholen sich allemal in den Veranstaltungen, die einmal als Gegenfestival gedacht waren. Die inzwischen ehrwürdige "Semaine de la Critique" spiegelt in der Auswahl von Erstlingswerken dasselbe Hegemonialdenken französischer Kulturträger wider wie das offizielle Programm; wie dieses kennt es nur die Alternative zwischen dem von Haus aus Vertrauten und dem Pittoresken – nach Roland Barthes Merkmal kleinbürgerlichen Denkens.