Köln

Die resolute Dame in den Vierzigern, ansonsten von sorgfältiger Selbstsicherheit, nestelte nervös an ihrem Kleid. Sie versuchte zu verhindern, daß ein abgesprungener Knopf ihr ohnehin großzügiges Dekolleté noch tiefer ansetze. Doch dann faßte sie sich und sprach mit fester Stimme: "Nein!"

Margret ("Ma") Braungart aus Köln, vormalige Tänzerin, Wirtin und Frauenrechtlerin, beabsichtigte damit ("Schließlich bin ich der Hausherr hier"), einen Schlußstrich unter eine Diskussion zu ziehen, die sie schon fast eine Stunde "vom eigentlich Geistigen" ablenkte: Sollte es vier am Feminin-Polit-Tresen "George Sand" lehnenden Fernsehmännern gestattet werden, die im ersten Stock gelegenen Büros der von "Ma" und ihren meist jugendlichen Gehilfinnen gegründeten "Frauenpartei ’70" zu betreten oder gar zu filmen? Die TV-Abgesandten – Frau Wirtins frauenpolitischer Aktivität wegen in die Domstadt gereist – bestanden darauf, sich und dem Sehervolk ein Bild von der Organisationszentrale der neuen Partei zu machen. Indes, die Worte der Vorsitzenden "Ma" blieben männlich-hart: "Es ist nicht aufgeräumt." Und eine Gehilfin sekundierte, es möchten möglicherweise "so typisch weibliche Attribute" zwischen Telephon und Vervielfältiger herumliegen, was eine Betrachtung durch männliche Augen inopportun erscheinen lasse. So mußten die Gäste erkennen, daß der geplante Aufbruch in die schöne neue Frauenwelt nur im Bewußtsein zurechtgerückter Sofakissen und weggeschlossener "Attribute"möglich ist. Frau Saubermann lebt.

Wenn die Kölner Politwirtin nicht gerade in Sorge um den Zustand ihrer Sofakissen lebt, dann ist sie ganz "Ma", ganz die betont mütterliche Frauenpräsidentin. In der Mitte ihres Lokals sitzt sie dann wie der Messias der seit undenklichen Zeiten unterdrückten Frauen, und an ihren Lippen hängen die gläubigen Blicke der Damen des "Inneren Kreises". Dann schweigt sogar die rauchige Stimme der Zarah Leander aus der Juke-Box. Entschlossen wirft die Vorsitzende den Kopf zurück, als wolle sie lästiges Haupthaar aus dem Gesicht schleudern, doch das ist unnötig: Sie trägt die Haare streng nach hinten zum Knoten gebunden.

Und dann spricht sie über die Frauenpartei, ihre Frauenpartei, die "die Antwort auf die durch und durch männliche Gesellschaft ist". Die Genossinnen, leger bis leicht bekleidet, nicken je nach Temperament, finster entschlossen oder traurig. Einmal wöchentlich kommen sie bei der "George-Sand"-Wirtin zusammen, um weibliches Bewußtsein zu tanken. Dann erfahren sie auch, daß die "Männerherrschaft" der gottgewollten Ordnung zuwider laufe, während sich das große Ziel der Frauenpartei – "Wir müssen an die Stelle des bestehenden Patriarchats das Matriarchat setzen" – im Einklang mit Mutter Natur befinde. Ma’s Erklärung ist sehr einleuchtend: Matriarchat kommt von Mater, und Mater kommt von Materie – damit ist alles bewiesen. Welche Partei vermöchte schon mit einem derart abgesicherten ideologischen Unterbau zu konkurrieren?

Das Parteiprogramm jedoch bleibt geheim: "Darüber sprechen wir nicht." Doch dann tat die entschlossene Politwirtin doch kund, wofür die Frauenparteiler auf die Barrikaden klettern wollen: "Frauen müssen ohne männliche Begleitung Gaststätten aufsuchen können".

Ma hat für die siebziger Jahre eine neue Frage aufgeworfen: "Wir stellen die Frauenfrage". Vielleicht Jahre, gar Jahrzehnte werde es dauern, bis die männliche Macht aus den Angeln gehoben sei, um dann durch das "mütterliche Prinzip der Frauenpartei ’70" ersetzt zu werden. Doch die Vorsitzende Ma ist zuversichtlich: "Die Zeit ist reif, die Frauenpartei kommt, weil sie eben kommen muß".