Von Joachim Nawrocki

Keine Verdächtigung ist beleidigend, keine Assoziation haltlos genug, als daß sie der DDR-Presse nicht doch dienlich wäre zur Diffamierung der Bundesregierung. In den Tagen und Wochen vor dem Kasseler Gespräch der beiden deutschen Regierungschefs sind die Angriffe gegen die Bundesrepublik, die aus Ost-Berlin herüberklingen, nicht etwa verhaltener geworden. Sie haben eher noch an Schärfe zugenommen.

Vor dem ersten Gespräch zwischen Brandt und Stoph in Erfurt hat die Parteipresse die gemäßigte Tonart westdeutscher Zeitungen als "konzentriertes Störfeuer" bezeichnet, durch das die Atmosphäre angeheizt werde. So mußte sich die Frage aufdrängen, ob die Zeitungen und Sender mit ihren Kommentaren nicht jetzt ihrerseits konzentriertes Störfeuer beabsichtigen. Es entstand die Vermutung, daß die SED einen Abbruch der innerdeutschen Kontakte provozieren wolle.

Doch die Presse der DDR hat ihre eigenen Gesetze. Klassenkampf ist ihr wichtigster Auftrag. Diplomatische Zurückhaltung kennt sie nur gegenüber befreundeten oder politisch umworbenen Ländern. Die jeweilige politische Doktrin, die Meinungen und Wertungen der Ost-Berliner Regierung lassen sich meist präzise aus ihren Zeitungen ablesen, ihre Taktik und politische Praxis dagegen nicht.

Rund vierzig Tageszeitungen gibt es in der DDR. Ihre Auflage beträgt zusammen 6,5 Millionen Exemplare. Aber in ihren politischen Teilen gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen. Und die Politik pflanzt sich nicht nur bis in die Wirtschafts- und Kulturberichterstattung, sondern auch in die Lokalteile und Unterhaltungsseiten fort. Für ein einziges Kreuzworträtsel der "Berliner Zeitung" muß man drei "erfolgreiche Sportler der DDR", zwei Nationalpreisträger, einen Minister und ein Symbol des Friedens erraten.

Unterschiede zwischen den Zeitungen sind rein formaler Natur. Die Zentralorgane der Parteien und Massenorganisationen sprechen verschiedene Leserkreise an: "Neues Deutschland" ist die Pflichtlektüre der SED-Genossen, "Der Morgen" beachtet als Organ der Liberal-Demokratischen Partei die Interesssen des kleinen Mittelstandes, die "Neue Zeit" der CDU berichtet etwas ausführlicher über Kirchenfragen und die Probleme halbstaatlicher Unternehmen, die "National-Zeitung" der National-Demokratischen Partei ist ein wenig national gestimmt und rechnet ehemalige Wehrmachtsoffiziere und zum Sozialismus bekehrte frühere NSDAP-Mitglieder zu ihren Lesern, das "Bauern-Echo" wird wegen seiner landwirtschaftlichen Berichte gern gelesen, "Tribüne" und "Junge Welt" schließlich sind Zentralorgane, das eine Blatt für die Gewerkschaft FDGB, das andere für den Jugendverband FDJ.

Wenn es tatsächlich einmal Meinungsverschiedenheiten in der SED oder in der Regierung geben sollte, dann kommen sie in der Presse nicht zum Ausdruck. Erst wenn das Politbüro der Partei beschlossen hat, welche Meinung die richtige ist, wird sie den Lesern präsentiert. Ähnliches gilt für interne Schwierigkeiten des Ostblocks. So erklärt es sich, daß Reden, ja sogar Nachrichten, oft mit tage- oder wochenlanger Verzögerung in den Zeitungen wiedergegeben werden.