Für eine verbreitete gesellschaftskritische Haltung ist der Titel des Buches von

Horst-Eberhard Richter: "Patient Familie – Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie"; Rowohlt Verlag, Reinbek; 251 S., 19,80 DM

charakteristisch. Ihre Gegner nennen sie "Psychiatrisierung", und sie meinen: Hier werden soziale Mißstände, deren ganz unmedizinische Ursachen zu beseitigen wären, zu einem Phänomen deklariert, dessen pathologische Begleiterscheinungen es zu "heilen" gälte.

Richter, Direktor der Psychosomatischen Klinik der Universität Gießen, ist sich dieser Implikation bewußt. Im ersten Kapitel versucht er daher, die Psychotherapie von dem Vorwurf zu befreien, sie fördere nur "die Aufrechterhaltung des derzeitigen verderblichen Systems, indem sie problembelastete Individuen oder Familien wieder besser an das System anzupassen versucht".

Die Rechtfertigung des therapeutischen Impetus gerät ihm dabei zu einem Angriff auf jene "in hohem Grade bedenkliche Tradition, seelische ‚Anpassungsstörungen‘ schlechthin automatisch als medizinische Defekte einzustufen ..., ohne zu prüfen, ob in der jeweiligen gegebenen sozialen Situation eine symptomfrei gelungene Anpassung nicht eigentlich bedenklicher wäre als eine mißlungene".

Insgesamt jedenfalls kommt das Buch zu diesem Ergebnis: Der Psychotherapeut muß zunächst versuchen, den gegenseitigen Quälereien der Familienmitglieder und dem Leiden jedes einzelnen Patienten abzuhelfen – ob dieser Versuch nun zu einer gesellschaftspolitisch relevanten Befreiung der Individuen führt oder nicht.

Gerade dem Arzt nämlich erweist sich die Institution Familie als Nährboden für Brutalität, Angst, Irrsinn und Verzweiflung. Gefangen in einem Urwald von neurotischen Rollenpflichten, die die Partner sich zu ihrer eigenen Konfliktentlastung gegenseitig aufzuoktroyieren wissen, entfernen sie sich immer mehr von der Realität und ihren Aufgaben.