Bamberg

Schweifwedelnd apportierte der Hund seinem Herrchen, einem Bamberger Arzt, auf einem Sonntagsspaziergang durch die fränkische Gemeinde Stegaurach einen Knochen. Es war ein besonders schöner, großer Knochen – das heißt, er war so groß, daß er eigentlich gar nicht von einem Tier stammen konnte. Es war, so erkannte der Spaziergänger erschrocken, einwandfrei ein Menschenknochen. Und sogleich stieg in ihm ein Verdacht auf: Gemeindepfarrer Konrad Krabbe hatte erst kürzlich eine Unterbodenheizung in seiner Kirche einbauen lassen. Bei den Bauarbeiten war man auf die Gebeine des früheren Friedhofs von Stegaurach gestoßen. Sollte Pfarrer Krabbe sie einfach auf dem Schuttplatz der Gemeinde abgeladen haben?

Doch der Geistliche verwahrte sich entschieden gegen eine solche Unterstellung. Er konnte glaubhaft nachweisen, daß er alle Knochen gesammelt und "würdig an anderer Stelle wieder beigesetzt" hatte.

Seiner Meinung nach stammten die Gebeine aus einem Aushub des Bamberger Münsters zu Unserer Lieben Frau. Dort hatte man bei den Bauarbeiten für das geplante Pfarrzentrum eine Sammelgruft gefunden. Geschichtsforscher nehmen an, daß es sich bei dieser Gruft um die Begräbnisstätte der Babenberger handeln könnte, die bis heute unbekannt ist.

Der katholische Stadtpfarrer hielt es allerdings nicht für nötig, diesen wichtigen Fund zu melden. Es hätte ja einen ebenso kostspieligen wie zeitraubenden Aufenthalt der Bauarbeiten geben können. Von seinem Nachbarn Rudolf Tafler befragt, wohin die "Lastwagen voll Knochen" denn gefahren, würden, erklärte der Pfarrer, sie kämen alle auf den Bamberger Friedhof. Eine telephonische Anfrage bei der Friedhofsverwaltung ergab jedoch, daß dort nichts davon bekannt war.

Ebenso pietätlos ging man bei einem Heizungseinbau in der ehemaligen Dominikanerkirche vor, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der "Christlichen Kulturgemeinde" in Bamberg übernommen worden war. Jetzt finden dort die Konzerte der Bamberger Symphoniker statt.

Als das Seitenschiff mit dem Bagger durchpflügt wurde, zerstörte man bedenkenlos die Grüfte der Dominikanerkirche. Die Gebeine kamen auf die Schutthalde, wo der Bamberger Bürger Brugger einige Tage später einen mittelalterlichen Männerschuh entdeckte. Ein altes fränkisches Adelsgeschlecht aus Reichmannsdorf mußte sogar noch um die Herausgabe der Gebeine ihrer Vorfahren kämpfen, die unter der Kirche bestattet waren. Man wußte zwar nicht wohin damit, weigerte sich jedoch, sie der Familie zu überlassen.