Von Hans Gresmann

Bis zum letzten Augenblick war der zweite deutsche "Gipfel" in Kassel nicht wirklich gesichert. Die Blitzreise von Ulbricht, Stoph und Honecker nach Moskau sowie die Beschimpfungskanonade, die Ostberlin seit Wochen auf Bonn abfeuert, verstärkte die Zweifel an der Bereitschaft der DDR-Regierung, den zweiten zaghaften Schritt auf dem langen Weg des innerdeutschen Ausgleichs zu tun.

Aber mochte die Ungewißheit über das "ob" auch bis eine Minute vor zwölf andauern – im Blick auf das "was" gab es unumstößliche Klarheit: In Kassel würde man allenfalls kleine Brötchen backen können. Schnelle Erfolge waren nicht zu erhoffen – und sind es auch in nächster Zeit nicht.

Auf der mühsamen politischen Talwanderung zwischen den beiden Gipfeln Erfurt und Kassel ist von Woche zu Woche deutlicher geworden, wie weise Willy Brandt damals handelte, als er – überwältigt und übernächtigt aus dem anderen Deutschland zurückgekehrt – den Hauch nüchterner Kühle über die hier und dort aufwogenden Emotionen streifen ließ. Ergriffenheit und Politik sind zweierlei – und nicht jeder Anfang muß zwangsläufig seine Fortsetzung finden.

Das Ziel von Erfurt war Kassel. Was aber könnte das Ziel von Kassel sein? Schließlich kann sich die Politik der innerdeutschen Spannungsverminderung nicht in der wechselseitigen Verlagerung der Gipfelstationen erschöpfen. Daß Stoph in seinem Reisegepäck aufs neue die Forderung nach völkerrechtlicher Anerkennung – wonach die beiden Teile Deutschlands füreinander zum Ausland werden müßten – mit sich tragen würde, war ebenso sicher wie die von beiden Seiten keine Sekunde in Zweifel gezogene Nutzlosigkeit dieser politischen Trotzaktion.

Hätte Brandt nicht davon ausgehen können, daß Moskau, dem an einer limitierten Entspannung in Mitteleuropa derzeit offenbar gelegen ist, der DDR-Delegation statt Aufputschmitteln eher Beruhigungspillen mit auf den Rückweg gegeben hatte, dann wäre sowieso jede auch noch so minimale Hoffnung für die Katz gewesen. So aber machte es Sinn, für die Gäste von drüben Vertragsvorschläge auszuarbeiten, die in einer Weise geschickt konstruiert sind, daß sie Vorteile für beide Seiten bieten.

Warum sollte schließlich die DDR-Regierung, wenn sie die Anerkennung mit Tusch und Siegel nun einmal nicht haben kann und wenn sie zudem davon abgehalten wird, wieder auf den alten Kollisionskurs einzuschwenken, nicht doch ökonomische Vorteile (Ostberlin ist zur Zeit reichlich klamm bei Kasse) im Austausch gegen vorerst nur geringfügige Erleichterungen etwa im innerdeutschen Reiseverkehr einzuheimsen geneigt sein. Auch bislang ist sie ja mit den wirtschaftlichen Annehmlichkeiten des innerdeutschen Handels – deren Verlust für sie katastrophal wäre – nicht schlecht gefahren.