Oper fürs Volk im Zelt – Andrang zum Deutschunterricht – Sexaufklärung und der Sonntag auf Probe

Von Manfred Sack

Schnaps interessiert sie so wenig wie Tabak. Gefragt wird nur: "Firearms?" Die Zöllner der britischen Kronkolonie Hongkong machen bei ihren sehr rhetorischen Erkundigungen bittere Mienen und ihre Paßkollegen auch, wenn sie mit alberner Korrektheit das Stempelritual zelebrieren und mit jedem Flugzeug neue mißgelaunte Schlangen vor ihren Pulten aufziehen. Lauter Überflüssigkeiten, aus denen man lauter falsche Schlüsse ziehen könnte. Aber in Hongkong werden nicht mehr Leute umgelegt als in anderen zivilisierten Ortschaften, und die unerwünschten Personen kommen seltener mit dem Flugzeug an als mit einem Boot und nachts, sofern sie es überhaupt noch schaffen; denn eben hat Main China, wie Rotchina hier genannt wird, seine Patrouillenflotte vergrößert. Flüchtlinge aus dem Norden sprachen von ungewöhnlich vielen Dschunken, die aufgebracht, und vielen "Fischern", die verhaftet worden seien und ihr Ziel nicht erreicht hätten. Ihr Ziel war Hongkong.

Was die Besucher wahrscheinlich mehr als die Bewohner dieser schönen landschaftlichen Komposition aus Insel und Halbinsel beschäftigt, sind nicht zuletzt diese merkwürdig widersprüchlichen Aktivitäten des großes Bruders aus dem Norden, denn der versteht die Kronkolonie offensichtlich nicht bloß als ein Ärgernis. Ihm gehört ja nicht nur die (fast) wolkenkratzende "Bank of China", ein klassisches Geldhaus mit seriös und solid wirkender Fassade; er ist auch an mehreren ausländischen Banken beteiligt und sicherlich ganz wesentlich,

Und dann betreibt China im ganzen Stadtgebiet auch etliche Geschäfte, die als "Mao-Läden" einen pikanten Ruf genießen. Dort verkaufen in blaue Monteurs-Monturen geschlagene Angestellte mit großen rot und gold emaillierten Emblemen an den Brüsten allerlei Touristentand von der besseren Art aus Holz, Elfenbein, Silber und nicht immer sehr guter Seide, auch Parolen, Parteibibeln und Papierwaren sowie allerlei Kaufhausdinge für den täglichen Bedarf. Besucher aus dem Westen finden das, aus verständlicher Überraschung, zuweilen ganz entzückend komisch.

Gespenst im Sonntagsanzug

Aber auch Maos Läden retten den Ruf der Kolonie nicht mehr: Hongkong ist, fand ich, gar kein Einkaufsparadies mehr. Wer beim ersten Bummel die Nathan-Road hinauf noch vom städtischen Gewimmel beeindruckt war, ist auf dem Rückweg schon enttäuscht. Die unzähligen Läden – und kein Erdgeschoß entbehrt diese Einrichtung sportlich-kommerzieller Kommunikation – quellen über mit miesem Zeug, alt- und unmodisch, billig mehr so als so, und wer Kameras und Elektrogeräte sucht, wird heuer besser, komfortabler und sogar preiswerter in Japan bedient, wo den Ausländern im Expojahr die Exportsteuer erlassen ist. Und nicht nur das: schon scheinen schüchterne Versuche in Hongkong, um eine Ware zu handeln, nur noch als lästig empfunden zu werden.