Von Heinz Gerolf

Stuttgart

Wie weiland Wilhelm Teil schießen die Musterländler Badens und Württembergs mit ihrem Landsmann Friedrich Schiller seit Wochen gegen alles, was in Stuttgart ausgedacht wird. Und in Baden-Württembergs Landeshauptstadt denkt man seit Wochen fast an nichts anderes mehr als an Denkmodelle: Regierung, Landtag, Landräte, Bürgermeister und alle überlegen, wie man die 63 Landkreise und neun Stadtkreise verringern kann.

Das Motto kommunaler Selbstherrlichkeit und Zufriedenheit, das über dem Sitzungssaal des hohenzollerischen Kommunallandtags in Sigmaringen prangt, macht in allen Landratsämtem und Amtsstuben die Runde, die nach dem Willen der vereinigten CDU und SPD irgendwann einmal. irgendeinen neuen Chef bekommen sollen. Genaues weiß keiner. Der Innenminister Walter Krause und mit ihm die SPD und die von den CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger geführte Landesregierung möchten künftig nur noch 25 Landkreise und fünf Stadtkreise haben. Eine CDU-Kommission und mit ihr der CDU-Landesvorsitzende Hans Filbinger sowie viele CDU-Politiker dagegen liebäugeln mit 38 Landkreisen und acht Stadtkreisen. Der CDU-Landrat und Abgeordnete Karl Schieß wiederum verstand es, einigen Progressisten den Blick für zwölf Großkreise zu schärfen. Und zu guter Letzt hat sich die FDP auch etwas einfallen lassen: Sie wünscht sich die Kreisreform in zwei Stufen, erst in den Ballungsgebieten, und dann erst sehr viel später auf dem Land.

Das alles vor der bevorstehenden Abstimmung in Baden über den Fortbestand des südwestdeutschen Bundeslandes. "Da seht ihr’s, die Schwaben wollen uns nicht nur unsere Freiheit, sondern auch unseren Lebensraum rauben", echote einer aus der Bewegung "Los von Stuttgart." Der Sinsheimer Landrat Dr. Herrmann, "der vermaledeiten Reformvorstellungen" wegen fest entschlossen, sich 1972 als Abgeordneter zu bewerben, ist zwar kein Altbadener, will aber auch nicht mit einem Bekenntnis zum Südweststaat einer Landespolitik Vorschub leisten, die er bezüglich der Kreisreform verurteilt. Deshalb auch seine Weigerung, das Kreiskuratorium "Vereintes Baden-Württemberg" zu übernehmen. Seine Begründung: "Seien Sie versichert, diesmal wird nicht manipuliert, diesmal wird die Wahrheit bekannt! Es gibt noch Unabhängige in diesem Staate, die weder honorige Posten noch öffentliche Ehrungen veranlassen können, zu schweigen!"

Aber auch andere Landräte möchten weiterhin Landrat bleiben. Kollege Heckmann aus Biberach hat seine Kreisverordneten per Trauerkarte zu einer Sondersitzung eingeladen, und Kollege Diez aus Tettnang hat die Lokalzeitungen sogar mit Traueranzeigen wegen des bevorstehenden Ablebens des Bodenseekreises bereichert. Sein Aufruf "Landschaft erwache!" hat in anderen Kreisen Widerhall gefunden. Der Öhringer Landrat Bauer reagierte: "Wir lassenuns nicht freiwillig opfern!"; der Künzelsauer Landrat Vesenmayer: Die Zusammenlegung dreier finanzschwacher Kreise macht das Gebiet um keinen Pfennig reicher. Der Allgäuer Landrat Münch berief sich auf seinen Eid: "Ich habe für meinen Kreis einzustehen." Der Lahrer Allgewaltige namens Wimmer bezeichnete das Denkmodell als einen "irrlichternden Spuk", und der Landkreistag, die vereinigten Landräte, sprachen schlechtweg von "Stückwerk".

In Bad Mergentheim erinnerten sie sich: "Vereint sind auch die Schwachen .mächtig" und gründeten eine Aktionsgemeinschaft zur Erhaltung der Landkreise. Außerdem gaben sie einen Poststempel in Auftrag: "I like Mergentheim." Der Calwer Landrat Pfeiffer stellte schnell ein "Nachdenkmodell" zusammen, und sein Kollege Geisert in Buchen kündigte ein Antidenkmodell an. Der südbadische Regierungspräsident aber verglich das Denkmodell der Regierung mit einem "Haus ohne Dach".