Von Olof Lagercrantz

Der Dichter und Publizist Olof Lagercrantz, 1911 geboren, ist seit 1960 Chefredakteur der Stockholmer Tageszeitung "Dagens Nyheter". Er hat Nelly Sachs lange persönlich gekannt; in deutscher Sprache liegt von ihm ein "Versuch über die Lyrik der Nelly Sachs" vor gekannt, suhrkamp 212, 1967) sowie ein Buch über Dantes "Göttliche Komödie" ("Von der Hölle zum Paradies", Insel Verlag, 1965).

Nelly Sachs wurde 1891 in Berlin geboren; sie stammte aus einem vermögenden deutschjüdischen Haus, in dem Goethe und Beethoven größere Autorität besaßen als Moses und Jesaja. Man schickte sie auf eine vornehme Töchterschule. Ein Rabbiner gab ihr einige Privatstunden im Judaismus, aber der Jesus in der Schule gab ihr mehr. Was Antisemitismus war, wußte sie nicht.

Sie war klein von Wuchs, hatte große, braune, vorgewölbte Augen und schwarzes Haar. Als sie alt wurde und die Angst sie ergriff, glich sie oft einem aufs Land geworfenen Fisch, der nach Luft ringt. Ihre Seele war früh verstört. Und dies bedeutete, daß sie zu einem Leben bestimmt war, das am Rand des "Normalen" verlief. Da sie das einzige Kind war, wachte man sorgfältig über ihr Wohl und verwöhnte sie. Als Kind besaß sie eine Zeitlang ein zahmes Reh im Garten der Stadtvilla.

Die ersten vierzig Jahre ihres Lebens war sie nur von ihrem Inneren bedroht und ohne viel Kontakt zur – wie man es so nennt – Wirklichkeit. Sie bereitete sich nicht auf einen Beruf vor, erlebte die Liebe nur als Schwärmerei auf Abstand und in schwindelnder Sehnsucht. Zu Hause war sie eine unverheiratete Tochter im wilhelminischen Deutschland, und der Erste Weltkrieg ging an ihr, wie man annehmen darf, spurlos vorbei. Wovon sie schrieb, waren Nachtigallen, die sich zu Tode sangen, und Muscheln, in denen man das Rauschen der Ewigkeit hört. Sie veröffentlichte eine Märchensammlung über Zauberer und edle, sich aufopfernde Frauen. Dieses Buch schickte sie an Selma Lagerlöf, die sie ihr "leuchtendes Vorbild" nannte, und erhielt eine wohlwollende Antwort.

Als Hitler 1933 an die Macht kam, war Nelly Sachs schlecht gerüstet für die nun anbrechende Zeit. Kaum wußte sie, daß sie Jüdin war. Die deutschen Juden waren mehr oder weniger assimiliert. Sie lebte allein mit ihrer Mutter in Berlin, während die Juden isoliert, wie Vieh registriert, ausgeplündert wurden und der Mord immer näher rückte. Viele ihrer Freunde wählten den Freitod, andere flüchteten. Sie selber war vom Schrecken paralysiert. Nach einer Konfrontation mit der Gestapo war ihre Kehle gelähmt, und fünf Tage lang konnte sie kein Wort herausbringen. Diese Stummheit, eine Folge ihrer Angst, wurde dann zum Thema ihrer Bücher.

Am 16. Mai 1940, als die deutschen Armeen sich auf dem Marsch nach Paris befanden und die Gefährdung der Juden in ihrem ganzen Ausmaß erkennbar wurde, verließ sie Deutschland und kam nach Stockholm. Die ersten Nächte im fremden Land verbrachte sie in einem Kinderheim in einem Kinderbett, denn größer war sie nicht.