Gäbe es, parallel zum Pyrrhussieg, die Pyrrhusniederlage – Rolf Hochhuth wäre auf dem Felde der Dramatik ihr erfolgreichster Praktikant. Wo andere sich zu Tode siegen, von den Kritikern schulterklopfend beglückwünscht, wenn ihre Stücke von der ersten Bühne schnurstracks in das noble Dämmer einer Universitätsbibliothek abwandern, löst Hochhuth jedesmal ein "So-kann-man-doch-kein-Drama-schreiben"-Geschrei unter der Fachwelt aus, wird dann von zahllosen Bühnen des In- und Auslands nachgespielt und bringt Kirchenmänner und Historiker dazu, daß sie über seine Stücke raufen wie über lebendigste Realität.

So könnte es auch diesmal, mit Hochhuths drittem Stück, den "Guerillas", gehen. Die sogenannten Fachleute (von denen der Rezensent keine Ausnahme bildet) hatten anschließend, bei dem Empfang, den die Württembergischen Staatstheater zu Ehren ihres Bühnenstaatsstreichs gaben, jenen geschmerzt-hochfahrenden Zug um die Mundwinkel, wenn sie über das Stück sich in Andeutungen ergingen, der annoncieren sollte, was Rolf Hochhuth uns diesmal wieder angerichtet hat.

Er hat, schlicht gesagt, eine "Tragödie" geschrieben, Stück einer Dramengattung also, von der die meisten seiner Kollegen annehmen, die gäbe es bestenfalls im Museum zu besichtigen, dicht neben der Laokoon-Gruppe, in der Nähe des olympischen Diskuswerfers. Und tatsächlich: Wollte man einem wißbegierigen Schüler an einem heutigen Beispiel klar machen, nach welch strengen inneren Gesetzen eine "Tragödie" gebaut werden mußte – einst: Hochhuths "Guerillas" böten ein makelloses, wenn auch überbordend langes Beispiel dafür. Fünf Akte hat eine Tragödie, einen Helden, der tragisch scheitert, dessen Scheitern aber die Welt nicht unverändert zurückläßt. Woran scheitert er: an der Hybris, die es seinem Gegenspieler leicht macht, ihn zu vernichten.

Von der Theorie, in du? Praxis: Hochhuths Held, der amerikanische Multimillionär und Senator David L. Nicolson, eine Mischung aus einem idealen Kennedy und einem idealen Rockefeller, plant den Staatsstreich in den USA Es ist sehr ernsthaft gemeint, wenn hier gesagt wird, daß diese Ausgangssituation ebenso viel mit der Situation des "Don Carlos" zu tun hat, nämlich dramaturgisch, wie auch mit Hochhuths politischer Überzeugung, daß sich Revolten heute, da der Geheimdienst allmächtig und die Wallstreet-Herren schier unüberwindlich geworden sind, nur noch von oben vollziehen lassen, also mit Hilfe eines Mannes, der mit an der Spitze des Establishments steht. Da Hochhuth die Vereinigten Staaten hilflos-allmächtig verfilzt sieht, in ihren Kolonialunternehmungen in Indochina und in Lateinamerika, sieht er Rettung gegen die brutale, nur mühsam demokratisch getarnte Willkür in einem Muster, das er den Plänen des 20. Juli nachempfunden hat.

Der tragische Konflikt des Senators: er muß das Risiko blutiger Gewalt eingehen. Seine Hybris: obwohl sein Hauptziel der Staatsstreich

in den USA selbst ist, verwickelt er seine südamerikanische Frau in seine politischen Aktionen, benutzt sie als Kurier für Südamerika, wo sie vom CIA geschnappt und viehisch ermordet wird und damit auch den Vorwand liefert, mit dem ihn die CIA durch einen als Selbstmord kaschierten Mord aus der Welt schafft.

Daß Hochhuth seine Weltdeutung in die fünf Akte einer Tragödie für einbringbar hält, hängt mit seiner Geschichtsüberzeugung zusammen, die von Männern ausgeht, die Geschichte machen. Adornos Auseinandersetzung mit Hochhuth, anläßlich des "Stellvertreters" geführt, könnte hier wieder entfacht werden. Doch glaube ich, daß man bei Hochhuth auf den Effekt sehen sollte, aller kritischen Theorie zum Trotz: Mag sein, daß Hochhuths moralisches Entsetzen die Kirche, um sie zu schmähen, idealisieren und personalisieren mußte – kein anderes Stück hat so viel reformatorischen Eifer in der Kirche selbst in Gang gesetzt wie der "Stellvertreter". Mag sein, daß der Tresor-Krieg um Churchills Mitschuld am Tode des polnischen Exilpremiers leicht Don Quichoteske Züge hat – das Stück der "Soldaten", das in den Höhepunkt der Vietnam-Bombardierungen fiel, hat nicht nur die englische Öffentlichkeit nachhaltig daran erinnert, daß die Genfer Konventionen im totalen Luftkrieg nur noch eine ohnmächtige Farce sind.