Karl-Heinz Janßen:

Am Tage vor der Stuttgarter Premiere von Rolf Hochhuths neuem Theaterstück, sagte der christlich-demokratische Bundestagsabgeordnete Olaf von Wrangel – und er meinte; was er sagte –, wir seien es der Führungsmacht der Nato schuldig, sie in guten und schlechten Zeiten zu unterstützen. Und nun kommt einer aus Basel daher und schreibt ein einziges Pamphlet gegen Amerika. Doch wer die Weltmacht katholische Kirche und das Gewissen der britischen Nation in die Schranken gefordert hat, was sollte der sich scheuen, auch die Führungsmacht der sogenannten freien Welt an seinen strengen Moralbegriffen zu messen.

Viel Mut gehörte ohnehin nicht dazu. Ein großer Teil unserer Jugend und die überwiegende Mehrheit der öffentlichen Meinung teilt, wo nicht die Kritik, so doch das Unbehagen an Amerika. Noch ehe sich im Württembergischen Staatstheater der Vorhang hob, hatten die Nachrichtenagenturen gemeldet, daß an diesem gewöhnlichen Freitag die Polizei des Staates Mississippi ein Wohnheim für Studentinnen beschossen und dabei zwei junge Menschen gemordet habe. Auch könne nunmehr kein Zweifel mehr sein, daß die Polizei des Staates Georgia in der Stadt Augusta sechs Neger durch Schrotschüsse in den Rücken getötet habe. Die Meldung von der Ermordung der beiden Studenten freilich wurde anderntags den Lesern der "Welt" und der "FAZ" erst auf der fünften oder sechsten Seite mitgeteilt. So mag denn für manchen Bundesbürger durchaus neu, ja sogar schockierend sein, was ihm Hochhuth über das häßliche Amerika zu berichten weiß. Die eher gelassene Reaktion des Premierenpublikums kann da kein Maßstab sein, saßen doch mehrere Hundert Journalisten im Parkett (Beifall auf offener Szene, als die Bühnen-Guerilleros die "Einführung [!] der Pressefreiheit" verlangten).

Es hieße Hochhuth verkennen, wollte man ihm unterstellen, er sei opportunistisch auf einer Woge des Anti-Amerikanismus mitgeritten. Noch im Herbst 1967 hatte er angekündigt, er wolle als nächstes sich an einer Komödie, versuchen, weil er es satt habe, sich an heiklen historischen Themen die Finger zu beschmutzen.

Doch die Zeiten waren nicht danach: Die weltumspannenden Vietnam-Demonstrationen – Hochhuth war am ersten Mai 1968 in New York dabei –, die Osterunruhen in den Universitätsstädten, der Pariser Maiaufstand, der Notstandsmarsch auf Bonn –, solche Signale einer wachsenden, berechtigten Unzufriedenheit mit den verkrusteten politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen durfte ein politisch so engagierter Dramatiker, ein Mann mit so ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn wie Hochhuth nicht übersäen.

Aber wo andere, des vergeblichen Demonstrierens müde, verzweifelt ihre Zuflucht im selbstmörderischen Aktionismus suchten oder sich widerwillig in ein verachtetes System integrieren ließen, hörte Hochhuth nicht auf zu fragen, wie man doch noch zum Ziele gelangen könne, möglichst ohne Blutvergießen und mit einiger Aussicht auf Erfolg.

Als er die Staatsstreichfibel des rumänisch-