Von Sepp Schelz

Stuttgart, im Mai

Die Formel von der "normativen Kraft des Faktischen" wird in kirchlichen Kreisen nicht gern gehört. Auf der Synodaltagung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Stuttgart – der letzten formell noch ,,regionalen" Tagung – hat sie sich jedoch wiederum als wirkungskräftig erwiesen. In der noch immer geltenden Grundordnung der EKD von 1948 ist ein Austritt von Gliedkirchen nicht vorgesehen. Dennoch sind die acht Gliedkirchen in der DDR im vergangenen Jahr unter dem Druck der politischen Gewalten aus dem gesamtdeutschen Kirchenbund ausgeschieden. So blieb der Stuttgarter Rumpfsynode nur übrig, diesen "Kirchenstreich" zu notifizieren und die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Dies hat sie mit bemerkenswerter Nüchternheit getan. Zwar kämpften anfangs der Berliner Bischof Scharf und sein treuer Gefährte, der Theologieprofessor Heinrich Vogel, hartnäckig um die Reste der nach ihrer Meinung kirchenrechtlich und organisatorisch noch keineswegs verlorenen Einheit, aber es war ein Kampf auf verlorenem Posten: Die "regionale Tagung West" entschied, sich zur "Synode der EKD" zu erklären. Der Lübecker Bischof Meyer schlug sogar eine Namensänderung vor. Die Synode indessen ging mit Recht davon aus, daß die Namen frage nicht das Hauptproblem sei. Der Titel "Evangelische Kirche in Deutschland" wird sicher auf der Tagung im Frühjahr des nächsten Jahres geändert werden.

Über die weiterbestehende "geistliche Gemeinschaft" mit den evangelischen Kirchen in der DDR gab es in Stuttgart keine Meinungsverschiedenheiten. "Geistlich" schließt zwar das Geistige ein, bedeutet jedoch zugleich mehr: die Realisierung und Konkretisierung im kirchlichen Bereich. So ist die partnerschaftliche Zusammenarbeit der jetzigen EKD mit dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR nicht nur geistig, sondern auch konkret zu sehen; ebenso schlicht das Wort "geistlich" politisch-ideologische Fehldeutungen aus. Auch darum muß die organisatorische Trennungslinie deutlich gezogen werden. Die spezifische Gemeinschaft der evangelischen Christenheit in Deutschland, von der auch in der Ordnung des DDR-Kirchenbundes gesprochen wird, läßt sich nur unter dieser Voraussetzung praktizieren – ohne doppelten Boden.

Die EKD hat sich der Gefahr entzogen, von ihrer eigenen unbewältigten Vergangenheit paralysiert zu werden. Doch wie steht es mit ihrer Zukunft? Die erhoffte Initiative für eine verfassunggebende Kirchen Versammlung ist, weil sich die Synode in einem Konflikt zwischen Legalität und Legitimität befand, ausgeblieben. Der enge Legalitätsrahmen der alten Grundordnung wurde allerdings ausgefüllt. Dazu gehört die Bildung eines ständigen Struktur- und Verfassungsaus schusses, der die Reformbestrebungen kanalisieren soll: Die Überwindung der konfessionellen Barrieren, die zwischen lutherischen, reformierten und unierten Kirchen bestehen, und die sinn volle föderalistische Gliederung der evange lischen Kirchen in der Bundesrepublik an Stelle eines überlebten Landeskirchentums.

Hamburgs Bischof Wölber, der zugleich Leit der Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche ist, hat deutlich gemacht, daß es sich bei den konfessionellen Gründen, die einer vernünftigen Gliederung des Landeskirchentums entgegengestellt werden, häufig nur um vorgeschobene Motive handelt. Die Legitimität des Status quo ist fragwürdig geworden – das werden auch die Landeskirchen nicht länger leugnen können. Da die Synode der Kommission die Möglichkeit eingeräumt hat, bereits vor der nächsten Synodaltagung über ihre Beratungen öffentlich zu berichten, ist ein lähmender Atten rismus fast ausgeschlossen.