Am Vorabend des geplanten Gesprächs zwischen Bundeskanzler Brandt und dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrats, Stoph, schwoll die Propaganda-Kanonade aus Ostberlin gegen die Bundesregierung fast zur Stärke eines Sperrfeuers an. "Neues Deutschland" warf dem Kanzler vor, er betreibe ungeachtet seiner "schönen Worte" in Erfurt eine "Politik der Diskriminierung" gegen die DDR. Am Dienstagabend empörte sich Ostberlin, weil das Bundespresseamt in seinem Informationsmaterial eine "unverschämte Hetzrede" des Oppositionsführers Barzel abgedruckt habe. Ein ungarischer Korrespondent meldete, die Regierung der DDR sei seit Erfurt zu einer "völlig negativen Bewertung der Bonner Regierungspolitik" gelangt.

Eine Woche vor dem Kasseler Termin war es in Genf zwischen DDR und BRD noch zu einer Kraftprobe gekommen. Auf Anregung aus Bonn hatte die Vollversammlung der Weltgesundheitsorganisation mit 70 gegen 26 Stimmen beschlossen, die Entscheidung über eine Aufnahme der DDR um ein Jahr zu vertagen. Botschafter Schnippenkötters Begründung: Eine Aufnahme der DDR zu diesem Zeitpunkt präjudiziere die von Bonn eingeleiteten Verhandlungen und mache es dem deutschen Volk schwieriger, "über seine Zukunft selbst zu entscheiden". "Neues Deutschland" hingegen sprach von einem "Ausbruch tiefster Feindseligkeiten gegenüber der DDR". Das Außenministerium in Ostberlin wertete das Abstimmungsergebnis als "ein schlechtes Omen" für Kassel.

Die Bundesregierung gab vor, sie lasse sich durch die Pressekampagne aus Ostberlin nicht beirren, sondern werte sie als Versuch, die eigene Bevölkerung oder die Partner im Ostblock zu beeinflussen. Bundesjustizminister Jahn parierte die Vorwürfe der DDR mit dem Hinweis, auch drüben gebe es diskriminierende Gesetze, und Bonn könne leicht eine Gegenrechnung aufmachen: "Nur, was hilft es?"

Am Freitag begaben sich die Staats- und Parteiführer der DDR noch zu Verhandlungen nach Moskau: Ulbricht, Stoph, Winzer, Honecker. Die Bundesregierung ihrerseits unterrichtete ihre Verbündeten über ihr Verhandlungskonzept für Kassel. Es läßt sich etwa so zusammenfassen: Brandt unterbreitet der anderen Seite einen Katalog mit etwa zwanzig "Vertragselementen", über die sich Beauftragte der Regierungschefs oder Mitglieder ihrer Delegationen in vielen Sitzungen erst einigen müßten, ehe ein Vertrag oder sogar mehrere Verträge zwischen beiden Staaten geschlossen werden könnten.

Bis in die letzten Tage waren Arbeiter und Handwerker in Kassel, damit beschäftigt, Schloß Wilhelmshöhe, die Tagungsstätte, den alten Bahnhof und die Anfahrtstraßen auf Hochglanz zu bringen. Rund 1500 Journalisten hatten sich angemeldet, unter ihnen etwa 120 aus der DDR.

Angesichts dieser Weltöffentlichkeit wollten einige politische Gruppen das Kasseler Treffen als Gelegenheit zu Demonstrationen benutzen – die DKP, um für die Anerkennung der DDR zu werben, Nationaldemokraten, Junge Union Hessen und Bund der Mitteldeutschen, um gegen die Teilung zu protestieren. Unterdessen hatte der Herausgeber der "Nationalzeitung", Dr. Frey, 51 Amtsrichter im Zonenrandgebiet aufgefordert, als Notstaatsanwälte zu fungieren und den "Schreibtischtäter" Stoph wegen Mordes an vielen Deutschen zu verhaften.