"Die Aufzeichnungen und Gedichte des André Walter" von André Gide. Dieser Erstling – 1890 erschienen – ist schon ganz Gide, wenngleich nicht der ganze Gide. Geschrieben wurden die "Cahiers" mit einem praktischen Ziel. Gide wollte seine Cousine Madeleine Rondeau heiraten, seine Mutter sträubte sich dagegen. Als Liebeserklärung an diese, hier Emmanuelle genannte Cousine, als Talentprobe sollte dieses Buch den Widerstand brechen; tatsächlich hat es zu dem Entschluß beigetragen, aus dem eine niemals "vollzogene", aber literarisch fruchtbare, ungemein viel kommentierte Ehe wurde – man denke an Gides eigenes Buch nach dem Tod der Gattin und an das Buch, in dem André Schlumberger dem inzwischen verstorbenen Freund antwortet. Eben diese Ehe ist auch vorweggenommen in der pubertären Trennung von Körper und Geist, die noch weiter geht als die Spannung zwischen Willen und Wahnsinn. Allenthalben zerfällt dem Jüngling die Welt in unheilbare Dualismen. Denis de Rougemont, der auf Gide durch sein Buch über "Liebe und Abendland" selber Einfluß hatte, stellte einmal dar, wie sich bei Gide Angelismus und Donjuanismus, Reinheitstraum und Verführungslust mischten. Hier ist noch der reine Angelismus ausgedrückt, wie in "Uns nährt die Erde" (Nourritures terrestres) der reine Donjuanismus. Schon in den "Cahiers" haben wir es mit einem Jüngling zu tun, der versucht, einen Roman zu schreiben. André Walters Romanheld und er selber gehen in Wahnsinn unter. Die Grundstimmung ist "puritanisch", nicht im Sinn einer puritanischen Lebensführung, sondern einer Entkörperlichung. Die drei Übersetzer Gerhard Kluge, Hans Joachim Kesting und Rolf von Höne – sind durchaus zu rühmen. Kestings Nachwort zeigt sehr schön den musikalischen Aufbau dieser "Cahiers" und ihr Thema der unaufhebbaren Distanz zwischen Leben und Denken. Wurde für den späteren Gide die Lektüre zu einemMittel der Selbsterkenntnis, so wirkt sie hier als Magie, fast als Rauschmittel. Bei diesem lebenslang mit Goethe umgehenden Schriftsteller mag es erlaubt sein, die "Cahiers" als "Werthers Leiden" des späteren Olympiers zu bezeichnen. (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 187 S., Abb., 38,– DM)

François Bondy

"Die Welt der Romantik" von Eckart Kiessmann. Sage keiner, auch wenn er im Studium einmal intensiv damit befaßt war, ihm stünde die Romantik so lückenlos und plastisch vor Augen, daß ihm nur noch Spezialuntersuchungen etwas geben könnten: Zum kulturhistorischen Träumen und zur Wissensauffrischung können auch Kulturgeschichten gut sein. Klessmann brachte das Kunststück fertig, ein nicht nur materialreiches und kluges, sondern auch lesbares Werk über die deutsche Romantik zu schreiben; sein Buch ist ruhig, bescheiden, leichtfüßig und leichtflüssig dozierend, mit vielen Briefbelegen, Gedichten und Zitaten aus der Prosa der Romantik durchsetzt. Vom Ossian bis zu Mendelssohn, von den Athenäums-Fragmenten bis zum Mesmerismus, von der Zeitung für Einsiedler bis zur Christlich-Deutschen Tischgesellschaft entwirft er ein Panorama, das Lust macht, sich wieder in die Details einer Zeit zu versenken, deren Künstler glaubten, daß "sich mitten in der Alltäglichkeit der wunderbare Zauber" (E. T. A. Hoffmann) erschließt. Überdies ist seine Darstellung ein wunderschönes Bilderbuch; bei den Abbildungen ist nicht nur den bekannteren Kersting, Schnorr von Carolsfeld und Runge Platz eingeräumt, sondern auch zum Beispiel dem erst kürzlich wieder entdeckten Carl Philipp Fohr, der zum Nibelungenlied, zu Tiecks "Melusine" und Fouqués "Zauberring" hinreißende Federzeichnungen gemacht hat. Etwas mehr allerdings hätte man gern von den gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen der Romantik erfahren: Sie war schließlich die letzte große vorindustrielle Kunstbewegung, was schon Heine erkannt hatte, als er ihr Ende mit den Worten begründete: "Der Kohlendampf verscheucht die Sangesvögel, und der Gasbeleuchtungsgestank verdirbt die duftige Mondnacht." (Verlag Kurt Desch, München; 367 S. mit 280 Abb. und 24 Farbt., 54,– DM) Jörg Drews