Viktor Schklowskij, geboren 1893, gehört zusammen mit Boris Eichenbaum und Jurij Tynjanow zu den bedeutendsten Vertretern des russischen Formalismus. Er war Mitglied der 1919 in Petrograd gegründeten "Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache" ("Opojas"), der, neben den Sprachwissenschaftlern Roman Jakobson und Lew Jakubinskij, auch die Schriftsteller Andrej Belyj und Majakowskij angehörten. Auf Grund seiner oppositionellen Haltung–Schklowskij gehörte der Sozialrevolutionären Partei an – mußte er Anfang der zwanziger Jahre die Sowjetunion verlassen; er emigrierte über Finnland nach Berlin, wo er 1922 sein berühmtes Buch schrieb: "Zoo oder Briefe nicht über die Liebe" (deutsch 1965), die Bestandsaufnahme zweier unglücklicher Liebesaffären, der Liebe zu einer Frau und der Liebe zur Oktoberrevolution, vor der er hatte fliehen wollen. 1923 konnte er, auf Fürsprache Majakowskijs, in die Sowjetunion zurückkehren und wurde Dozent am Kunstwissenschaftlichen Institut in Leningrad. Hier schrieb er unter anderem eine "Theorie der Prosa" (deutsch 1966) und ein Erinnerungsbuch "Sentimentale Reise" (deutsch 1964), sowie mehrere Filmdrehbücher. Nach Lenins Tod 1924 gerieten die Formalisten mehr und mehr ins Kreuzfeuer der Kritik, bis sich Schklowskij in einem programmatischen Aufsatz "Denkmal für einen wissenschaftlichen Irrtum" (1930) von der formalen Methode distanzierte. In den folgenden Jahrzehnten wurde es stiller um ihn; er veröffentlichte literarhistorische Arbeiten über Tolstoj und Majakowskij sowie theoretische Schriften über Film. Seit dem Ende der fünfziger Jahre werden seine Bücher, die inzwischen in Westeuropa und in den USA eine Art Renaissance erlebt hatten, auch in der Sowjetunion wieder gedruckt. Der heute siebenundsiebzigjährige Autor, letzter Überlebender einer Generation von bahnbrechenden Neuerern auf dem Gebiet der Kunst und Literatur und zugleich ein Augenzeuge der Oktoberrevolution, war vor kurzem in Westberlin Gast eines Symposiums über "Sprache und Aktion" zum hundertsten Geburtstag Lenins in der Majakowskij-Galerie. Im Anschluß daran gab er im Literarischen Colloqium Antwort auf Fragen, die ihm von Lesern und Freunden seiner Bücher gestellt wurden; sie wurden aufgezeichnet von Hans Christoph Buch und übersetzt von Wilfried Stölting.

Schon vor vierzig Jahren haben Sie sich vom Formalismus distanziert. Wie stehen Sie heute dazu? War der Formalismus nur falsch?

SCHKLOWSKIJ: Er war nicht nur ein Fehler, aber er war nicht breit genug angelegt. Ich sprach schon darüber, daß man die Formen studieren muß, aber man muß wissen, wozu. 1924 begannen meine Freunde und ich, besonders aber Tynjanow, von der sozialen Bedeutung des Wortes zu sprechen. Es ist unmöglich, die Formen getrennt von der Geschichte zu betrachten. Denn was zu einer Zeit dies bedeutet, drückt zu einer anderen Zeit etwas ganz anders aus. Ich möchte literarische Formen mit Eisschollen vergleichen, die zu 99 Prozent unter Wasser sind und deren gesamten Umfang man erst erkennt, wenn sie sich umdrehen: Eine gegebene literarische Form kann man nur in ihrer historischen Bedeutung voll verstehen. Ich glaube heute, daß ich damals einen Fehler gemacht habe; ich war ein philosophischer Analphabet. Ich war sehr jung, dreiundzwanzig Jahre, und ich eignete mir im Sturm die kompliziertesten Gegenstände an. Danach kamen eine Menge Bücher von mir heraus ...

Selbst wenn der Formalismus auf unzulänglichen theoretischen Voraussetzungen beruhte, war er nicht ein fruchtbarer Fehler? Haben nicht die Schriftsteller, etwa Belyj und Majakowskij, viel von ihm gelernt?

SCHKLOWSKIJ: Sehen Sie, es gibt Fragen, die man nicht beantworten kann, solange man auf einem Bein steht; man muß sich setzen. Was ist überhaupt ein Fehler? Das ist eine lange Frage. Es ist wie ein altes Auto, das überholt ist vom Standpunkt einer neuen Konstruktion. Reine Wahrheit gibt es nicht – es gibt nur Wege zur Wahrheit. Die verschiedenen Formalisten haben auch verschiedene Fehler gemacht. Majakowskij zum Beispiel war kein Formalist, aber er war mit uns in persönlicher Freundschaft verbunden, und er sagte ständig, daß viel verändert werden müsse. Ich denke dann an die Arbeiten Tynjanows, die jetzt bei uns wieder aufgelegt werden. Was mich betrifft, Sie fragen mich: ja oder nein. Meine Bücher erschienen seit 1916, und hier in Deutschland erschienen sie vierzig Jahre später. Und seit vierzig Jahren fragt man mich, ob sie falsch waren oder nicht. Hätte man sie damals übersetzt, hätte man sich auch damals über sie unterhalten können. Aber jetzt, nachdem eine ganze Epoche vergangen ist und ich als einziger noch am Leben bin – wie kann ich da für alle antworten? Die Frage ist falsch gestellt, ich habe sie satt und kann sie nicht mehr hören.

Die positiven Elemente des Formalismus sind bei uns in den letzten Jahren in die marxistische Literaturwissenschaft eingegangen, das ist das Optimale, was ein Mensch erreichen kann: die eigenen Fehler einsehen und korrigieren. Der Formalismus ist in der Sowjetunion heute wieder ein Forschungsgegenstand. Ich wehre mich dagegen, hier im Westen als sensationelle Neuentdeckung angesehen zu werden – ich bin nicht neu. Mein alter Freund Roman Jakobson, der schon lange im Westen lebt, schreibt seit vierzig Jahren Artikel über Formalismus. Er besitzt alle Originaltexte, und er hätte sie längst übersetzen und herausgeben können. Sehen Sie, wenn ein Buch, das ich 1916 geschrieben habe, im Jahre 1969 in Westdeutschland erscheint und dort in Mode kommt, dann finde ich das einfach absurd.

Roman Jakobson, den Sie eben erwähnten, lehrt heute Linguistik am Massachusetts Institute of Technology. Zusammen mit Lévi-Strauss hat er versucht, die strukturalistische Methode, die in der Linguistik und Anthropologie entwickelt wurde, auch auf das Studium der Literatur anzuwenden. Die Strukturalisten, besonders in Frankreich, berufen sich dabei auf die Formalisten als Vorläufer und theoretische Grundlage ihrer Arbeit. Wie stehen Sie dazu?