Als Livius Hannibals Zug über die Alpen beschreibt, ist dort alles wild und gräßlich; wir aber sehen die Alpen heute als schön an. Die Frage der Schönheit ändert sich, und die Erscheinung der Kunst selber ist historisch. Ich habe das am Anfang zu wenig verstanden, ich verglich die Dinge aus verschiedenen Epochen, als wären sie einander ähnlich, aber da war gar keine Ähnlichkeit. Auch die Fragen der Moral ändern sich: Nehmen Sie etwa die Treue der Penelope, die wir heute noch bewundern. Als sie hörte, daß ihr Mann nach Hause kommen würde – und sie wußte, daß er gut schießt – nahm sie schnell noch Geschenke von allen ihren Freiern, solange sie noch am Leben waren. Homer lobt ihr Verhalten, wir würden heute wahrscheinlich anders urteilen.

Bei Marx gibt es eine sehr interessante Bemerkung am Ende der Kritik der politischen Ökonomie. Er sagt, es ist möglich festzustellen, wie eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung Kunst hervorbringt, aber es ist sehr schwer zu erklären, warum diese Kunst dann überlebt. Goethe lebt, Gilgamesch lebt, die Bibel lebt, Majakowskij lebt – und auch wir wollen am Leben bleiben. Das ist die Notwendigkeit der Kunst. Die Kunst formt in ihrem Ofen das Holz um, sie ist ein großer Feuermeister der menschlichen Seele. Ich sage es jetzt poetisch, aber ich könnte es auch nach Paragraphen aufschreiben.

Sie haben nicht nur als Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Kritiker gearbeitet, sondern Sie haben auch an Filmen mitgewirkt und Bücher über Film geschrieben. Unter anderm haben Sie mit Eisenstein gearbeitet?

SCHKLOWSKIJ: Ich habe mit Romm, Eisenstein, Kuleschow und anderen zusammengearbeitet. Wir waren enge Freunde, und wenn wir über Film sprachen, dann verstanden wir uns. Die Künstler nennen die Kritiken von Leuten, die selber nicht schreiben, Jackettgespräche. Zum Schreiben muß man die Jacke ausziehen – auch zum Malen. Ich weiß, wie das geht, ich war befreundet mit Malewitsch, Léger ... Innerhalb meines Lebens hat der Stummfilm angefangen und aufgehört zu existieren; das war vor fünfzig Jahren. Das Kino ist aus der Technik hervorgewachsen. Mein Sohn war geboren, ich hatte kein Geld, und so ging ich in die Kinofabrik. Hätte man mir Geld gegeben, wäre ich nicht wiedergekommen. Man sagte mir: setz dich und mach Untertitel! Ich nahm einen Film und fing an, mit meinen eigenen Pfoten zu arbeiten. So habe ich es gelernt. Es sind fünf Bände von Eisenstein erschienen, zwei weitere werden folgen. Es war eine unwahrscheinliche Zeit damals, wir hatten dauernd Angst, irgend etwas zu versäumen, aber sehen Sie, die Zeit ist vorbei, und nach uns werden andere Leute schreiben.

Sie haben in die russische Literatur eine neue Spontaneität, ein direktes Zupacken hineingebracht, das auf Gegenstände, auf unmittelbare Erfahrungen zielt, dazu ein Pathos, das gewissermaßen stabilisiert wird durch konkrete Fakten. Es gibt in Ihrem Buch "Sentimentale Reise" eine Stelle, wo von einer Handgranate die Rede ist, die in der Hand explodieren will – ein Bild, eine Metapher gleichsam für diese Art von Literatur. Diese Direktheit, dieses Zupackende, das in Rußland in der späteren Literatur nicht mehr da ist, taucht heute anderswo wieder auf, in Skandinavien, in Amerika, Ansätze dazu auch in der Lyrik der DDR. Wie hängt diese Spontaneität – die alte und die neue – miteinander zusammen?

SCHKLOWSKIJ: Das ist eine gute, aber auch schwierige Frage. Die Bombe damals hat es wirklich gegeben, sie hat mir einen dünnen Arm hinterlassen, der nachts wehtut. Pasternak sagte einmal, daß die Kunst ein Sichaufgeben in das Ernste hinein erfordert. Das ist eine tragische Aufgabe, und wir sehen nicht immer das Tragische im Leben von Dostojewskij, Tolstoj, Lermontow oder Gorkij.

Ich habe gesehen, wie Gorkij weinte, er weinte, weil ihm nicht gefiel, was er geschrieben hatte. Die Kunst ist eine quälende Beschäftigung, nur die Gewohnheit macht sie erträglich. Sophokles schrieb eine Tragödie, die den Saal in Weinen versetzte, und er wurde dafür bestraft – man soll die Leute nicht traurig machen. Im Grunde ist die Kunst eine blutige Angelegenheit, und wenn sie nicht blutig zu sein scheint bei den Klassikern, so wissen wir nur nicht, wie furchtbar das Leben damals war.