Auf dem Universitätsgelände von Kent, Ohio und Jackson, Mississippi, werden von Nationalgarde und Polizei sechs Studenten erschossen, weil ihre Kommilitonen gegen den Überfall ihres Landes auf Kambodscha protestierten. In Berlin entscheiden sich APO-Angehörige, mit Waffengewalt einen Genossen aus der Haft zu befreien; dabei wird unschuldiges Wachpersonal schwer verletzt. In Peter Lilienthals Film „Malatesta“ suchen junge Anarchisten in ein Juweliergeschäft einzudringen und erschießen aus Versehen einen arglosen Mitläufer, später kommen sie bei einem Gefecht mit der Polizei selber um.

Ein aktueller Film, ein politisches Thema. London 1910: Eine Gruppe von Emigranten, vor allem Letten, sammelt sich um den Exil-Italiener und Anarchistenführer Errico Malatesta. Armut und Hunger in Elendsquartieren, Frauenrechtlerinnen, junge Sozialrevolutionäre, ein bißchen Rebellion gegen die Schinderei am raren Arbeitsplatz, Entlassung, eine erfolglose kleine Provokation in einer Kirche; dann jener vergebliche Einbruch und die berühmte Belagerung in einer Wohnung in der Sidney Street.

Der Film löst sich immer stärker von der Titelfigur, und das erscheint durchaus konsequent. Malatesta predigt Humanismus und Gewaltlosigkeit im Widerstand, die Jungen wollen endlich handeln. Ihr seid Rebellen, keine Revolutionäre, wirft er ihnen vor. Am Ende siegt die pure Aktion.

Die erwartete Studie zum Phänomen Anarchismus, den behaupteten Zeitbezug ist Lilienthal schuldig geblieben. Sein Film verzichtet auf eine aktuelle Argumentation und bleibt im historischen Rahmen, er führt typische Verhaltensweisen an Personen vor: Träumer, Radikale, Phantasten, den Rationalisten, den Pazifisten.

Nur eine ganz unverbindliche Szene gibt einen direkten Hinweis auf aktuelle Ereignisse, nämlich auf einen während der Berliner Studentenunruhen viel gezeigten Film über Molotow-Cocktails. In „Malatesta“ wird in einer sehr langen Szene trocken und detailliert die Funktionsweise von Bomben erklärt. Daß Intendant Barsig (der Sender Freies Berlin ist Auftraggeber des Films) diese und eine weitere Szene mit Pistolen-Schießübungen kürzen will, weil sie langweilig seien oder aber angesichts jüngster Ereignisse einen gefährlichen Symbolgehalt hätten, das ist äußerst grotesk und lächerlich.

Den Malatesta spielt Eddie Constantin. Er ist bemüht, Menschlichkeit, Güte, Verständnis und Erfahrung, ja Weisheit auszustrahlen, und manmal hat er wirklich eindringliche, gute Momente. Aber dann wirkt er unfreiwillig komisch. Liegt es an diesem Gesicht, über das so viel geschrieben wurde, als er noch der berüchtigte Schläger Lemmy Caution war? Eddie strapaziert seine vernarbten und verwitterten Züge zu stark, er mimt zuviel. Und er spricht seinen Part in gebrochenem Deutsch selber, auch das klingt eher komisch als authentisch und historisch nachvollziehbar (der Italiener in London). Aber trotz allem ist eine sympathische stille Resignation und viel Melancholie um diese Figur.

Eddie Constantin identifiziert sich völlig mit der Rolle Malatestas und mit dessen Entwicklung zu einem friedlichen, humanen Anarchismus. Er wolle Abbüße tun für jene Verherrlichung von Brutalität und Gewalt, wozu er als Lemmy Caution beigetragen habe. Das klingt rührend und ist doch sehr naiv, weil es sich der Wirkung von Filmen so sicher ist.

Darf ein Film über Anarchismus und Revolution schön sein? Gibt es andererseits eine diesem Thema adäquate, verbindliche Machart? Es gibt keine, nur die einzelne subjektive Lösung kann überzeugen. Wenn die Kubaner politische Filme bis zum Manierismus ästhetisieren, warum soll Lilienthal nicht einen bewußt historischen Film drehen, der den morbiden Reiz vergilbter Dokumente hat, der noch das Elend düsterer Unterkünfte und vergammelter Hinterhöfe mit der Patina des Erlesenen, einer raffinierten Farbkomposition, mit – gelegentlich – Geschmäcklerischem überzieht? Schwer zu entscheiden, wo da das Kunstgewerbe anfängt und die Ästhetik Selbstzweck wird.

Der Regisseur hat viel historisches Photo- und Filmmaterial verwandt; er montiert es nahtlos und überraschend plausibel in den Film ein, schon das ist sehenswert. Es verfremdet die Geschichte so viel und so wenig wie die Qualität von Lilienthals eigenen Szenen: verblichene zarte Farben, wobei ein grobkörniges Rotbraun undein blasses Grün dominieren, eine angenehm unaufdringliche Personenregie, die irritierende Beiläufigkeit mancher Sequenzen. Oft lenkt die absichtliche Asynchronität die Aufmerksamkeit mehr auf die Stimmung als auf den Text.

Atmosphärische Dichte ist Lilienthals Stärke. Sie faszinierte bei seinen Fernsehfilmen wie „Séraphine“, „Robert“, „Horror“ oder „Jede Stunde verletzt – die letzte tötet“. Ein Polizist reitet durch eine Vorstadtgasse, man hört das Klappern der Hufe, sieht ihn aus einer Torspalte oder durch ein Schaufenster, er duckt sich und späht in Winkel und Gänge: Da ist mehr über Staatsgewalt, Angst und politischen Untergrund ausgedrückt als durch langes Reden.

Oder: Eine leere Straße, die Einbrecher meißeln im Hinterzimmer eine Wand auf, überall hört man das Klopfen, jemand lauscht am gegenüberliegenden Fenster, auf der Straße bleibt einer stehen, immer dieses gleichmäßige Geräusch, ein Polizist kommt vorbei und horcht auf, er holt Verstärkung. Man ist erleichtert, wenn endlich das Bummern aufhört und geschossen wird, und man weiß, nun ist die Gruppe entdeckt.

Lilienthals Film hat etwas Sprödes, Sperriges, er entzieht sich immer wieder. Er ist neblig und bröckelig wie ein schönes altes Photo, das ist seine Qualität und seine Gefahr. Daß der Film nur im Fernsehen läuft, ist schade, die Kinoleinwand täte ihm besser. Wolf Donner