Nürnberg

Neuneinhalb Stunden jeden Tag justiert die Jugoslawin Marija Matina-Imbriovcan mit einem Schraubenzieher Drehstromzähler in einer Fabrik. Dann, wenn die 26jährige Gastarbeiterin nach der Arbeit im winzigen Zimmer Mann und Kind versorgt hat, geht sie in die Küche ... und malt. Denn Marija Marina, die nach Nürnberg kam, weil ihr Mann hier eine Stelle als Autoschlosser fand, ist eines der jüngsten Mitglieder der Malschule von Hlebine in Kroatien und eine Schülerin des bekannten naiven Malers Ivan Generalic.

Die junge Tradition der jugoslawischen Bauernmaler hat eine Reihe von dörflichen Malschulen und Kollektiven hervorgebracht, beispielsweise in Kovacica, Oparic und Uzdin. In einer Art künstlerischen Fortpflanzung haben diese Orte in drei Generationen Dutzende von naiven Malern hervorgebracht. Marija Marina gehört zur jüngsten Generation im bekanntesten der jugoslawischen Maldörfer: Hlebine. Mit den besten ihrer Schule eroberte das fröhliche Bauernmädchen gemeinsam die Welt. Sie war an Ausstellungen in New York, Chikago, Philadelphia, Washington, Pittsburg, San Francisco, London, Edinburgh und Frankfurt am Main beteiligt.

Als sie vor einem Jahr mit ein paar Koffern, Bildern und Selbstgebranntem Sliwowitz in Nürnberg eintraf, nahm zunächst nur die Paßbehörde von ihr Notiz. Dann verständigte ihr Hausherr die Presse, und Marija Matina bekam ihre erste Einzelausstellung im Ausland, die jetzt den ganzen Mai über in der Nürnberger Buchhandlung und Galerie Edelmann zu sehen ist.

Wochenlang malte sie nach der Schicht auf Fernseh- und Windschutzscheiben von VW-Käfern, die ihr Mann vom Schrottplatz holte. Das Ergebnis: Auch in der Umgebung trister Hinterhöfe und Industriebauten blieb die Malerin – "mein Vorbild ist Grandma Moses" – "naiv", hielt sich an den Idyllen ihrer Heimat fest, als wolle sie die Antirealität wie einen Schutzwall um sich aufbauen. Die Kritiker mochten zwar die Hühnerdiebe, musizierende Zigeuner, Betrunkenen im Wald, die Kühe auf der Weide und Smoleks Haus nicht so recht unter den Begriff "Kunst" einordnen. Doch der Markt sprach spontan auf die dilettantisch gemalten, so farbigdekorativen und ganz und gar allen zeitgenössischen Darbietungen entgegengesetzten Hinterglasgemälde an: Schon drei Tage nach der Vernissage waren drei Viertel von insgesamt fünfundzwanzig Stücken zu Preisen zwischen 200 und 420 Mark verkauft.

Jetzt drängt es Marija Matina wieder in die Küche, um neue Bilder zu malen.

Reiner Weiß