Vierzehn Jahre nach dem kurzen und bizarren Roman "Das Lamm", mit dem sich François Mauriac als Erzähler verabschiedet hatte, erscheint sein letzter Roman, ein Spätspätwerk aus jener Phase des "hohen Alters", die Mauriac selber unlängst in einem Gespräch mit Georges Suffert in L’Express vom Greisenalter als eine wiederum völlig andersartige Lebensform unterschieden hat –

François Mauriac: "Der Jüngling Alain", aus dem Französischen von Wolf gang Teuchl; Molden Verlag, Wien; 272 S., 19,80 DM.

"Man spricht in Wahrheit nur von sich selber", sagt er in jenem Gespräch. "Ich habe getan, als beobachtete ich die Ereignisse und die Menschen. In Wahrheit habe ich immer nur dem Klopfen meines Herzens gelauscht."

Er tut das gewiß auch in diesem Roman, dessen, Held Alain Gajac heißt – ein Name, dessen Assonanz an den des Autors beabsichtigt sein dürfte. Wie seine Hauptwerke spielt "Der Jüngling Alain" in der Provinz um Bordeaux vor dem Ersten Weltkrieg. Von dieser Provinz sagt Mauriac jetzt: "Mutter schalt mich immer: Du findest alle Leute dumm. Sie hatte recht, ich aber auch. Es gab damals nicht viele Ideen in Bordeaux."

Dieser Jüngling Alain – nicht von ungefähr lautet der französische Titel "Ein Jüngling von ehedem" – wächst vaterlos auf, wie Mauriac selber aufwuchs (der Umschlagtext nennt ihn zu Unrecht "früh verwaist"), und wie Mauriac selber unter dem Einfluß einer dominierenden Mutter. Wie in seinen meisten Romanen steht auch hier die Mutter im Mittelpunkt und ihre Beziehung zum Sohn. Zwar mag Alain ihr zum Trotz eine Liebschaft mit der Buchhändlerin Marie haben, und er wird das von Mama ihm als Braut zugedachte Mädchen Series verächtlich "die Laus" nennen. Es hilft nichts. Er wird oder fühlt sich doch mitschuldig an ihrem Tod, da er im Wald ungesehen dieses Mädchen beim Baden beobachtet, es durch einen unter seinem Schuh knackenden Zweig zur Flucht treibt, wobei es auf ungewohntem Weg einem Schänder und Mörder entgegenläuft und daher umkommt wie Maupassants "Kleine Roquette". Nachträglich weiß nunmehr Alain, daß Mama immer recht gehabt hatte, daß sie ihm die Richtige bestimmt hatte, und es ist teils der normale Werdegang des Jünglings, teils jedoch die Flucht vor der übermächtigen Welt der Mutter, wenn Alain am Ende nach Paris zieht.

Alain bleibt in einer Welt konventioneller wie echter Frömmigkeit, untermischt mit robusten Besitzinteressen, mit Jagdlust, mit wilder Sinnlichkeit. Von einem Wirken der Gnade ist mindestens in diesem Werk des Romanciers nichts zu spüren, der einmal von sich sagte: "Ich bin Katholik und Romancier, aber kein katholischer Romancier." Das stimmt zwar nicht ganz, aber es erklärt die eben hier so deutliche Verwandtschaft mit dem ganz unreligiösen Guy de Maupassant. Wie bei ihm ist auch bei Mauriac die "Witterung" der am stärksten entwickelte Sinn. Die Jagd, die Erotik, einzelne Menschen wie der sechsfingrige Freund Simon – alles ist von einem Dunstkreis umgeben, ist riechbar.

Was Alain am Ende tut, ist im genauen Sinn ein "Fortkommen" in Richtung auf Karriere und Erfolge, aber auch im Sinn der Flucht nach einer Niederlage. Es ist ein Entwicklungsprozeß, dem alles Befreiende fehlt. Durch die strenge Abgrenzung in Zeit und Milieu hat dieser Roman eine novellistische Dichte und Gebrochenheit zugleich, er ist darin manchen anderen größer konzipierten Romanen Mauriacs überlegen.