Von Haug von Kuenheim

Berlin, im Mai

In Westberlin wurde am Freitag vor Pfingsten der größte Banküberfall seit Kriegsende verübt. Drei bewaffnete und maskierte Täter raubten rund zweihunderttausend Mark. Berlins Boulevardblatt BZ kombinierte: "Die Verbrecher vom Mehringdamm hatten lange Haare. Vermutlich waren es Perücken. Perücken, wie sie auch bei der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader eine Rolle spielten?"

Die Zeitung spielte damit auf das andere große Kriminalspektakel an – auf die "Befreiungsaktion". Der 27jährige Andreas Baader, rechtskräftig verurteilter Kaufhausbrandstifter und Häftling in Tegel, war tags zuvor mit Waffengewalt befreit worden. Dabei wurde der 62jährige Institutsangestellte Linke lebensgefährlich verletzt; ihn traf ein Schuß in die Leber.

Andreas Baader gehörte mit Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein zu den Brandstiftern, die in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 in zwei Frankfurter Kaufhäusern Feuer gelegt hatten. Das Urteil lautete: je drei Jahre Zuchthaus. Bevor über die Revision entschieden war, wurden alle vier auf freien Fuß gesetzt. Eine Ladung der Staatsanwaltschaft Frankfurt zum Antritt der Reststrafe – nachdem der Bundesgerichtshof die Revision verworfen hatte – wurde von Horst Söhnlein befolgt, die anderen drei waren verschwunden. Meldungen besagten, Baader und Ensslin hielten sich in Neapel oder Florenz auf, nach anderen Nachrichten waren sie in Kuba aufgetaucht.

Am 7. April 1970 meldete die Berliner BZ: "Weil er raste, fiel er rein." Gemeint war Andreas Baader, der von einer Polizeistreife wegen zu schnellen Fahrens gestellt und als der gesuchte Kaufhausbrandstifter identifiziert wurde. Zur Abbüßung seiner Reststrafe wurde Baader nach Tegel gebracht. Anwalt Mahler, der ihn in Frankfurt verteidigt hatte, besuchte ihn dort mehrmals, ebenso wie Ulrike Meinhof, die ehemalige Chefredakteurin von konkret. Insgesamt bekam Baader 16 Besuche. Bereits seit dem 30. April war der Gefängnisleitung bekannt, daß "Apo-Kreise" Baader befreien wollten. Der Hinweis aber wurde auf einen zu lebenslanger Haft verurteilten Strafgefangenen gleichen Namens bezogen. Am 14. Mai gestattete die Gefängnisleitung Baader, im Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin-Dahlem, Literatur einzusehen; er brauchte sie für sein Buch über "Die Organisation randständiger Jugendlicher", das er mit Ulrike Meinhof für den Verleger Klaus Wagenbach schreiben wollte. In das Dahlemer Institut wurde der Gefangene von zwei Justizwachtmeistern begleitet. Die Gefängnisbehörde hatte gegen die "Ausführung" nichts einzuwenden, da sie Baader nicht als "Kriminellen im üblichen Sinne" betrachtete und seine schriftstellerischen Ambitionen für seriös hielt.

Kurz vor zehn Uhr traf Baader in der Miquelstraße 83 ein. Im Lesesaal wartete bereits Ulrike Meinhof, die von der Anstaltsleitung über die Arbeitserlaubnis des Mitautors informiert worden war. Dann, gegen elf Uhr, stürmten vier Personen, getarnt mit Perücken in den Lesesaal und – dies ist die Darstellung der Polizei – prügelten und schossen sofort. Während einer der Beamten, von einem Stuhlbein getroffen, zusammensackte, zog der andere seine Pistole und schoß zweimal. Auf die Hilferufe der Justizwachtmeister eilte der Institutsangestellte Linke in den Raum. Er wurde sofort getroffen. Wie sich später herausstellte, stammte seine Verletzung aus einer Pistole vom Typ Beretta. Diese Beretta, mit selbstgebasteltem Schalldämpfer, sowie zwei Perücken, wurdem am Tatort gefunden. Während des Handgemenges zwischen den Justizbeamten und den vier "Perückenträgern" sprangen Ulrike Meinhof und Andreas Baader aus dem Fenster – Bodenhöhe zirka 1,75 Meter; danach flüchteten auch die anderen. In der wenige Meter entfernten Bernadottstraße sprangen sie in zwei abgestellte Wagen, wovon einer, ein silbergrauer Alfa Romeo, gestohlen worden war. Er wurde später in Wilmersdorf gefunden.