Von Petra Kipphoff

In der Bundeshauptstadt zur Aufführung gelangte kürzlich „Der Hosenanzug“, ein zeitgenössisches Emanzipationsdrama in drei Akten:

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer beschloß, dem CSU-Vizepräsidenten Jäger, der geäußert hatte, er werde einer Dame im Hosenanzug den Zutritt zum Rednerpult verweigern, den Fehdehandschuh hinzuwerfen und in der nächsten Plenarsitzung in jenem umstrittenen Gewand zu erscheinen (laut „Welt“ vom 15.4.70). In einer „eleganten beigefarbenen Kombination“ hielt Frau von Bothmer unter den „erstaunten Blicken ihrer männlichen Kollegen“ Einzug in den Bundestag (laut Münchner „Abendzeitung“ vom 16. 4. 70). Herr Jäger war leider verhindert, er hatte wohl den nicht unberechtigten Verdacht, daß er hier nur den kürzeren ziehen konnte. Lenelotte von Bothmer erhielt nach ihrem gelungenen Hosenmoden-Debüt eine Flut von meist unfreundlichen Briefen (siehe ZEIT vom 8. 5. 70). Ein couragierter Anonymer erboste sich im Namen des Vaterlandes: „Ein unanständiges, würdeloses Weib! Armes Deutschland, so tief bist du gesunken mit den roten Parteiweibern!“

Armes Deutschland, so sehr trittst du auf der Stelle mit den farbblinden Gesinnungsmännern! Zwar wird die „Glocke“ kaum noch auswendig gelernt, und das dort in nuce skizzierte Bild der Welt komisch zu finden, gehört zum guten Ton, wahrscheinlich auch in des Anonymos’ Haus. Aber in Sachen Frau hält man auf Tradition; da hat auch die Wut, mit der Schillers Zeitgenossin Caroline Schelling ihr Pamphlet „Ehret die Frauen, sie stricken die Strümpfe“ dem Verfasser der „Glocke“ gern um die Ohren geschlagen hätte, wenig andere Früchte getragen als die, daß im Jahre 1970 die Emanzipationsmutprobe per Hosenanzug stattfindet.

Dabei hat es nach Caroline und nach Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim, Meta Klopstock und ein paar anderen souverän denkenden und handelnden weiblichen Individuen (die allerdings meist aus privilegierten Schichten stammten) seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland durchaus Ansätze für etwas gegeben, was in einer kontinuierlichen Entwicklung die Emanzipation des ganzen Geschlechtes hätte voranbringen können.

Doch zwischen Clara Zetkin einerseits, die mit August Bebel („Die Frau und der Arbeiter haben gemeinsam, Unterdrückte zu sein“) die Frauenfrage als Bestandteil der Arbeiterfrage sah, und Frauen wie Gertrud Bäumer und Helene Lange andererseits, denen es vor allem um die intellektuelle Gleichberechtigung ging, gab es wohl mehr Abgründe als Brücken darüber. Und auch heute noch legen der Gewerkschaft verbundene Frauen Wert auf die Feststellung, daß die bürgerliche Frauenbewegung (die es gar nicht mehr gibt) mit ihnen und ihren Zielen (die es, nicht zuletzt wegen des Organisationszwanges, in Ansätzen gibt) wenig bis nichts gemeinsam hat.

Es gab im Jahre 1966 einen „Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft“, der an doppelter Trostlosigkeit nicht zu überbieten war. Hier wurde mit Zahlen belegt, was man ohnehin schon wußte oder ahnte: Mädchen werden schlechter ausgebildet als Jungen, haben es in der Universität wie in der Lehrstelle schwerer, voranzukommen; Frauen werden für gleiche Arbeit schlechter bezahlt als Männer und geplant ferngehalten von höheren Positionen; verheiratete Frauen tragen, wenn sie berufstätig sind, allein die Doppelbelastung durch Beruf und Familie; unverheiratete Frauen werden – scheel angesehen, weil sie keine Familie haben; und unverheiratete Frauen mit Kind liegen in der sozialen Skala noch immer ungefähr ranggleich mit Strichmädchen.