Von Joachim Schwelien

Washington, im Mai

Wenige Tage nach dem Zwischenfall an der Staatsuniversität von Kent in Ohio, bei dem vier der gegen das Unternehmen Kambodscha demonstrierenden Studenten von der Nationalgarde erschossen worden waren, räumte Vizepräsident Spiro Agnew in einem Interview für die David Frost-Show (benannt nach dem britischen Journalisten, der für das amerikanische Fernsehen tätig ist) ein: Die Schützen könnten sich des Mordes schuldig gemacht haben, wenn auch nicht aus Vorsatz.

Das war eines der seltenen und auch keineswegs vorbehaltlosen Eingeständnisse, mit denen sich der streitbare Vizepräsident der USA aus dem Angriff vorübergehend in die Defensive zurückzog und der empörten Jugend mit einer Geste des Verstehens nähertrat. Agnew sieht aber seinen Auftrag nicht im Rückzug. Seit er, ein bis dahin so gut wie völlig unbekannter Politiker, mit Richard Nixon ins Weiße Haus einzog, ist es für ihn geradezu Ehrensache, tagaus tagein gegen die vermeintlichen Zerfallserscheinungen in seinem Lande vom Leder zu ziehen – mögen sie auftreten in der Gestalt von Friedensdemonstranten, von autoritätslosen Erziehern, von meinungsbildenden Herrschern der Massenmedien, kritisierenden Intellektuellen oder radikalen Führern der farbigen Minderheit.

Stets schlägt Agnew wuchtig zu, und stets trifft er, wenn auch keineswegs immer ins Schwarze. Wenige Männer in Amerika haben soviel Aufschreie ausgelöst wie Agnew mit seinen Reden. Aus ihnen läßt sich – à la Mao-Fibel – mühelos ein Zitatenschatz zusammenstellen.

Spiro Theodore Agnew, als Sohn des griechischen Einwanderers Anagnostopoulos und der aus Virginia stammenden Mutter am 9. November 1918 in Baltimore geboren, ist aus den Niederungen der amerikanischen Politik in eine Position aufgerückt, von der aus er einmal nach dem Präsidentenamt greifen könnte, falls der Zug nach Rechts anhalten sollte, der gegenwärtig seinen Aufstieg bewirkt.

"Die nasentriefende, händeringende Machtstruktur verdient die gewalttätige Rebellion, die sie ermutigt", stichelt Agnew. "Hier regiert der Geist des nationalen Masochismus, angestachelt von einem kraftlosen Corps anmaßender Snobs, die sich selbst als Intellektuelle charakterisieren", tönt er bei einer anderen Gelegenheit. "Rektor Brewster von der Yale-Universität hat erklärt, nach seiner Ansicht könnten schwarze Revolutionäre in unserem Rechtssystem kein gerechtes Verfahren erlangen. Ich dagegen habe den Eindruck, daß die Studenten von Yale unter der Obhut Kingman Brewsters kein richtiges Bild von ihrem Land gewinnen können...", fordert er die akademische Welt heraus.