ZDF, 4., 8. und 10. Mai: "Die totale Verführung!"

Da hat nun die Kommunikationsforschung die Möglichkeiten und Grenzen der Propaganda mit Hilfe von präzisen Versuchen beschrieben, hat die Massenpsychologie die Seelen- und Klassenlage der Verführbaren analysiert, haben Faschismus-Theorien die ökonomische Basis, des Dritten Reiches kapitalistische Mitgift, nachgewiesen, wurden die lingua tertii imperii, ihre ideologischen Stereotypen und vorgebildeten Muster ins Bewußtsein gerückt... und dann stellt man sich hin und kennt den Reich so wenig wie den Kenneth Burke, und auch den Loewenthal-Gutermann nicht, gibt aber vor, die totale Verführung erhellen zu wollen und zeigt doch in Wahrheit nur ein bescheidenes Filmchen über Kongruenz und Inkongruenz zwischen Wirklichkeit und Propaganda, dargestellt am Beispiel des Nationalsozialismus.

Irreführend war schon der Titel. Mußten sie denn überhaupt verführt werden, die Schichten, aus denen sich der Nationalsozialismus rekrutierte, und nicht nur bestätigt in ihrer Weise, die Dinge zu sehen? Der von Existenzangst gepeinigte Mittelstand, durch Proletariat und Großkapital in gleicher Weise bedroht – prägte er nicht jene Propaganda, die Goebbels und seinesgleichen nur technisch perfektionierten? (Aber von Ökonomie wurde nicht gesprochen in dieser Sendung, man schwebte im luftleeren Raum, redete allenfalls vom Obrigkeitsdenken, aber woraus das resultierte, sagte man nicht: Das Bürgertum, das sich in diesem Lande nur wirtschaftlich, aber nicht politisch emanzipierte während des letzten Jahrhunderts, saß nicht auf der Anklagebank.)

Und dann der Antisemitismus – mit so viel moralischer Verve verurteilt, aber niemals in seiner Genese und psychologischen Voraussetzung analysiert: Der Jude als das freigegebene, den Aggressionen der sozial Abhängigen überlassene Objekt, der Jude als das Opfer, auf den die unterdrückten Triebe lustvoll, haßerfüllt und ganz gefahrlos projizierbar sind!

Und dann die Sprache, das religiös bestimmte, christliche miranda evozierende Vokabular, strotzend von Militanz und machtgeschützter Innerlichkeit (beides dienlich zur Disziplinierung): Keine einzige Bestandsaufnahme wurde gegeben, kein Symbol (das Hakenkreuz über dem Rede-Altar) in seiner Bedeutung erhellt, kein Versatzstück irrationaler Mythen nach seiner Herkunft befragt, das Agitieren mit Klassenressentiments (der heroische Pauperismus als Ideologie der in Wahrheit in Reich und Arm zerteilten Gesellschaft) so wenig wie der Führerkult interpretiert, die lustvolle Identifizierung mit demjenigen, an den es die Verantwortung zu delegieren gilt und der vernichten kann.

Die gesellschaftlichen, politischen und psychologischen Implikationen der nationalsozialistischen Propaganda blieben unberücksichtigt. Man beherrschte die historischen Details, ansonsten blieb man um zwanzig Jahre hinter der Forschung zurück. Das Woher wurde nicht sichtbar, das Wohin blieb verborgen ... und dabei wäre es so leicht gewesen, durch einen Vergleich mit modernen Werbepraktiken Goebbels’ Verkaufstechnik deutlich zu machen. Denn das war er: kein Dämon, sondern ein auf Effizienz und Disziplinierung bedachter Verkäufer. Hitler hatte recht, wenn er die politische Reklame mit dem Vertrieb von Seife verglich.

Auch davon wäre zu sprechen gewesen in dieser Sendung. Momos